Editorial: Ganz am Anfang

Die aktuelle Zuspitzung der kapitalistischen Krise wirft ihren Schatten auch auf die Linke [1] und unterwirft diese einer bewusstlosen Dynamik; und zwar gerade wie die Krise kaum irgendwo so trotzig geleugnet und verdrängt wird wie bei der Linken. Während der nächste Kriseneinbruch in Europa, verbunden mit der „schöpferischen Zerstörung“ des unproduktiven Kapitals und dem darin angelegten gesellschaftlichen Zerfall unmittelbar droht, macht sich in der Linken eine allumfassende Rat- und Sprachlosigkeit breit, die gegenüber der gesellschaftlichen Wirklichkeit zu keinerlei Widerstand mehr in der Lage ist. Selten wird dies so deutlich wie im linken Konsens-Blatt der Jungle World, welches als exemplarisch für die abrüstende und aufgebende Gesamtlinke angesehen werden kann: Neben triefenden hegelianischen Oden auf den kapitalistischen Fortschritt, die westliche Vernunft und die bürgerliche Freiheit steht unvermittelt die mit Farbfotos unterlegte, vollkommen macht- und begriffslose, moralisch reduzierte Berichterstattung über die an den Grenzen der Festung Europa ermordeten Flüchtlinge – die Opfer ebendieses kapitalistischen Ensembles von Fortschritt, Vernunft und Freiheit.

Hatte sich die Linke in ihrem politischen Treiben stets auf das innerkapitalistische Spielfeld beschränkt, so macht sie nun die Erfahrung, dass ihre gehätschelten Politik- und Zukunftskonzepte eines irgendwie befriedeten Kapitalismus selbst der Voraussetzung einer funktionierenden kapitalistischen Mehrwertproduktion bedurften. Was die Linke dabei besonders hart trifft und sie von den Volksmassen unterscheidet, ist die durch die Krise bewirkte Gefährdung ihres eigenen Selbstbildes, der Ideologie über ihre eigene politische Subjektivität. Der offenkundig jenseits menschlichen Tuns und menschlichen Bewusstseins stehende gesellschaftliche Zersetzungsprozess zerstört diesen für die Linken zentralen Glauben, dass man die Verhältnisse doch irgendwie mitgestalten könnte oder gar würde, also durch Umverteilung, Aufklärung und Demokratisierung einen gerechten Kapitalismus, vielleicht sogar ohne geschlechtliche Rollenzuweisung und rassistische Ausgrenzung, herbeiführen könnte. Insofern ist die Linke geradezu zur Krisenleugnung verdammt.

Dementsprechend ist im linken Lager in letzter Zeit eine noch stärkere Beschränkung der politischen Aspirationen aufs Lokale zu beobachten, wo man aufgrund des temporären Abfangens der Krisenschübe auf nationaler Ebene, wenigstens für Deutschland, den gesuchten Spielraum politischer Mitgestaltung noch sicher zu haben glaubt. Am liebsten möchte man ein paar Jahre vorspulen, bis der ganze lästige Krisenspuk vorbei ist und die kapitalistische Normalität wieder hergestellt ist. Es verwundert daher nicht, dass auch die Linke im Stillen längst darauf hofft, dass Schäuble und FRONTEX die Sache schon richten werden, und Griechenland ist für das linke Bewusstsein in weiter Ferne. In dem Maße, wie die nationalstaatliche Politik zur finanzwirtschaftlichen Notstandsverwaltung übergegangen ist, gibt es eigentlich sowieso keine Parteien mehr. Im Umschwung von der Krisenleugnung zum Hoffen auf die glückliche Krisenbewältigung verschwindet der Unterschied zwischen dem immer schon nur pseudo-abgeklärten linken Bewusstsein und dem Chauvinismus der sonstigen Merkel-Schäuble-Deutschen.

Mit dem Verlust der politischen Perspektive geht auch der organisatorische Verfall dieser Linken einher. Insofern die Ziele der eigenen Praxis kaum noch ausmachbar sind, reduziert sich diese auf den persönlichen Gewinn, der aus dem bloßen Dabeisein im Szene-Kosmos gezogen werden kann. Die verbreitete Angst der digitalisierten KleinbürgerInnen, etwas vom Welt- oder sozialen Gruppen-Geschehen zu verpassen, macht diese Linken zum billigen Opfer der staatlichen Überwachung und Repression, während man zugleich mangels Verbindlichkeit kaum noch in der Lage ist, irgendetwas auf die Beine zu stellen. Weder die inhaltliche Abrüstung und Aufweichung noch die organisatorische Beliebigkeit, wie sie sich im Aufspringen auf den Facebook-Trend zeigt, dient dabei der Verbreitung der eigenen Positionen oder der Gewinnung neuer Leute (wie immer wieder behauptet wird), sondern es sind schlussendlich die unter sich bleibenden Szene-Linken selbst, die nach einer weichgespülten Politik als Lifestyle-Angebot verlangen, um bei der Stange zu bleiben.

Die Herausgabe einer Zeitung mit antikapitalistischem Anspruch stellt daher nicht nur inhaltlich, sondern auch organisatorisch ein Schwimmen gegen den Strom der Rest-Linken dar. Soll die praktische Überwindung des Kapitalismus auch nur als Frage aufgeworfen werden, braucht es perspektivisch eine verbindliche Vernetzung auf inhaltlich-theoretischer Grundlage; welche selbst wiederum das Vorantreiben, die Verbreitung und die Diskussion gesellschaftskritischer Begriffe zur unbedingten Voraussetzung hat. Wie sich immer wieder zeigt, bedarf dabei bereits die Theoriearbeit und -diskussion einer Verbindlichkeit und Kommunikationsstruktur, wie sie nur im persönlichen Kontakt und Austausch entstehen kann, während aus dem atomisierten Einklicken in der Facebook-Welt genausowenig folgen wird, wie aus der inzwischen verebbten Welle der Polit-Blogs linker Einzelpersonen. Die Redaktion und Verbreitung dieser Zeitung ist daher bewusst lokal ausgerichtet auf den Raum Dresden; nicht als inhaltliche Beschränkung auf bornierte Lokalthemen, sondern insofern sich die meisten Beiträge als Fortsetzung von Diskussionen verstehen, wie sie in verschiedenen Zusammenhängen in Dresden geführt wurden. Wir möchten daher an dieser Stelle bereits zu einer Diskussionsveranstaltung zu den Thesen der hier versammelten Artikel einladen, deren genauen Ort und Termin auf der Website bekanntgegeben wird. Zuschriften und Beteiligungen sind darüberhinaus sehr willkommen.

Der Name dieser Zeitung – Steigende Fluten – verweist nicht nur auf die wirtschaftliche, soziale, ökologische und ideologische Krise, welche der kapitalistisch vergesellschafteten Menschheit das Wasser bis zum Hals stehen lässt. Gegen das Zurichtungs- und Zwangsgehäuse der patriarchalen Warenproduktion und ihrer Krise verbleibt die Möglichkeit, dass sich diejenige Bewegung herausbilde, die der alten Gesellschaft das Wasser über dem Kopf zusammenschlagen lässt. Dieser Möglichkeit ist diese Zeitung verpflichtet.

Die Redaktion


[1] Um Missverständnissen vorzubeugen: mit der Linken ist stets das gesellschaftlich-politische Lager gemeint; geht es hingegen um die Partei mit dem Namen „Die Linke“, so wird dies explizit hervorgehoben.