Die schöne neue Arbeitswelt

von Martin Ballhaus

Dieser Artikel soll ein kritischer Beitrag zur Diskussion um die schöne neue Arbeitswelt im Allgemeinen und die Dienstleistungsgesellschaft im Besonderen, sein. Es ist nicht meine Absicht, den Dienstleistungsbereich in all seinen Facetten nach Definition der Betriebswirtschaftslehre darzustellen. Es soll genügen, aus verschiedenen Bereichen einige Beispiele zu geben und nicht zuletzt auch aus der Sicht Marx‘scher Theorie zu zeigen, welche Potenziale eine Dienstleistungsgesellschaft tatsächlich hat.

Bis weit in die Linke hinein wird von der Wandlungsfähigkeit des Kapitalismus orakelt. Und tatsächlich schien es bisher so, dass das kapitalistische Wirtschaftssystem für alle Probleme eine passende Antwort parat hatte. Aber wurden und werden die Probleme wirklich gelöst oder in Wahrheit nur in die Zukunft verschoben? Wenn man sich z.B. die aktuelle Wirtschafts- und Finanzkrise ansieht, wird klar, dass es sich nur um Verschiebebahnhöfe handeln kann. Wertlose Anlagepapiere werden in Bad Banks ausgelagert. Mit Hilfe von Hartz IV wird Druck auf die Löhne ausgeübt. Mit den sehr günstigen Lohnstückkosten werden dann schwächere Staaten niederkonkurriert (z.B. Griechenland). Anschließend werden diese mit Milliardenkrediten vor der Staatspleite gerettet. Während dessen breitet sich der Niedriglohnsektor in Deutschland und anderen kapitalistischen Kernländern immer weiter aus. Auch die umfassenden Reformen des „Wohlfahrtsstaates“ sind nichts als der untaugliche Versuch, die strukturelle Krise des kapitalistischen Systems in den Griff zu bekommen und die Folgen des Desasters an die Bevölkerung weiter zu reichen. Angesichts der Globalisierung der Betriebswirtschaft mit all seinen Folgen auf die Beschäftigungszahlen, Löhne und Arbeitsbedingungen soll nun der Dienstleistungsbereich die Lösung sein.

Es stellt sich also die Frage, ob eine Dienstleistungsgesellschaft ein neues Wirtschaftswunder ankurbeln kann mit gut bezahlten Arbeitsplätzen und Prosperität, oder – wie ich denke – ob eine prosperierende Dienstleistungsgesellschaft innerhalb einer auf kapitalistischer Produktionsweise abgestellten Gesellschaft ein Widerspruch in sich ist.

Angesichts der Komplexität des Dienstleistungsbereiches einen Nachweis für die o.a. These zu erbringen, erscheint vielen Zeitgenossen schier unmöglich zu sein. Das Statistische Bundesamt bietet einen ausgezeichneten Überblick [1]:

Abschnitt H Verkehr und Lagerei
Abteilung 49 Landverkehr und Transport in Rohrfernleitungen
Abteilung 50 Schifffahrt
Abteilung 51 Luftfahrt
Abteilung 52 Lagerei sowie Erbringung von sonstigen Dienstleistungen für den Verkehr
Abteilung 53 Post-, Kurier- und Expressdienste

Abschnitt J Information und Kommunikation
Abteilung 58 Verlagswesen
Abteilung 59 Herstellung, Verleih und Vertrieb von Filmen und Fernsehprogrammen; Kinos; Tonstudios und Verlegen von Musik
Abteilung 60 Rundfunkveranstalter
Abteilung 61 Telekommunikation
Abteilung 62 Erbringung von Dienstleistungen der Informationstechnologie
Abteilung 63 Informationsdienstleistungen

Abschnitt L Grundstücks- und Wohnungswesen
Abteilung 68 Grundstücks- und Wohnungswesen

Abschnitt M Erbringung von freiberuflichen, wissenschaftlichen und technischen Dienstleistungen
Abteilung 69 Rechts- und Steuerberatung, Wirtschaftsprüfung
Abteilung 70 Verwaltung und Führung von Unternehmen und Betrieben; Unternehmensberatung
Abteilung 71 Architektur- und Ingenieurbüros; technische, physikalische und chemische Untersuchung
Abteilung 72 Forschung und Entwicklung
Abteilung 73 Werbung und Marktforschung
Abteilung 74 Sonstige freiberufliche, wissenschaftliche und technische Tätigkeiten
Abteilung 75 Veterinärwesen

Abschnitt N Erbringung von sonstigen wirtschaftlichen Dienstleistungen
Abteilung 77 Vermietung von beweglichen Sachen
Abteilung 78 Vermittlung und Überlassung von Arbeitskräften
Abteilung 79 Reisebüros, Reiseveranstalter und Erbringung sonstiger Reservierungsdienstleistungen
Abteilung 80 Wach- und Sicherheitsdienste sowie Detekteien
Abteilung 81 Gebäudebetreuung; Garten- und Landschaftsbau
Abteilung 82 Erbringung von wirtschaftlichen Dienstleistungen für Unternehmen und Privatpersonen a.n.g.

Abschnitt S Erbringung von sonstigen Dienstleistungen
Abteilung 95 Reparatur von Datenverarbeitungsgeräten und Gebrauchsgütern

Die Dienstleistungen zählen in der offiziellen VWL zu den „Wirtschaftlichen Gütern“, gleichberechtigt mit den Sachgütern (z.B. Konsumgütern) und Rechtsgütern (z.B. Patente). In der Abteilung H finden wir eine Mischung von industrienahen Dienstleistungen und Dienstleistungen für den privaten Bereich. Es ist klar, dass gerade industrienahe Dienstleistungen völlig abhängig sind von der weltweit agierenden Industrie mit ihren Konjunkturzyklen und dem von der Konkurrenz erzwungenen Hang zur Rentabilität und Rationalisierung. Für den privaten Bereich, also für die personenbezogenen Dienstleistungen trifft immer zu, dass diese je nach wirtschaftlicher Lage der Privatpersonen ganz oder teilweise eingespart werden können. Kein arbeitslos gewordener oder in Zeitarbeit genötigter Mensch muss in den Urlaub fliegen, ein Urlaub auf Balkonien muss dann eben genügen. So, wie also die industrienahen Dienstleistungen von der Wirtschaft abhängig sind, so sind personenbezogene Dienstleistungen von den Einkommen abhängig. Herbert Wulff in der Jungen Welt vom 12.05.11:

Der Rückgang der Reallöhne setzt sich fort. Das geht aus Berechnungen von Experten der Commerzbank und der Hans-Böckler-Stiftung hervor, von denen die Frankfurter Rundschau am Mittwoch berichtete. Demnach sollen die Tarifeinkommen 2011 um durchschnittlich 1,7 Prozent zunehmen. Demgegenüber steht eine aktuelle Preissteigerungsrate von 2,4 Prozent. […] Etwas mehr als die Tarifeinkommen werden nach Berechnungen der Commerzbank die Bruttolöhne zunehmen. Aufgrund der wirtschaftlichen Erholung würden Zulagen und Sonderzahlungen eine größere Rolle spielen, hieß es. Bei einem Anstieg von etwa 2,2 Prozent dürften aber auch die Bruttoeinkommen 2011 unter der Inflationsrate liegen.“[2]

Hier nur zwei Beispiele aus Abschnitt H, welche Ausmaße Deregulierung und Liberalisierung im Dienstleistungsbereich bereits erreicht haben. Im Artikel „Britische Zustände“ von Johannes Birk wird das mehr als deutlich:

Europäische Bahngewerkschaften schlagen Alarm. Denn wenn es nach dem Willen der EU-Kommission geht, dann soll der vor gut 20 Jahren eingeleitete Liberalisierungs- und Privatisierungsprozeß im Eisenbahnwesen mit aller Gewalt fortgesetzt und die Widerstandsfähigkeit der Gewerkschaften eingeschränkt werden.
Stein des Anstoßes ist ein neuer, im vergangenen Herbst veröffentlichter Richtlinienentwurf der EU-Kommission zur Schaffung eines einheitlichen europäischen Eisenbahnraums (KOM 2010/475). Damit soll das Tor für eine vollständige Liberalisierung des Schienenverkehrs und uneingeschränkte Marktöffnung, eine Zerschlagung und Fragmentierung der bestehenden großen Eisenbahngesellschaften durch strikte Trennung von Infrastruktur und Betrieb, eine Ausgliederung von Teilbereichen und Dienstleistungen sowie für Lohn- und Sozialdumping eingeleitet werden. […] Andere Gewerkschafter stellten das zurückliegende Winterchaos bei den Bahnen in Schweden und Deutschland oder Eisenbahnunfälle wie die durch einen Achsbruch an einem Güterwaggon ausgelöste Explosion im italienischen Viareggio 2009 mit über 20 Todesopfern in einen Zusammenhang mit einer Zerschlagung bestehender integrierter Bahnen und verschärftem Wettbewerb zu Lasten der Sicherheit und der Beschäftigten. »Wo Kostendruck und Konkurrenz zwischen Werkstätten vorherrscht, da wird Pfusch gemacht. Das kann auch zu Unfällen führen«, so Greivelding.“[3]

Wenn es um Deregulierung und Liberalisierung geht, dann kommt man um das Beispiel Post,- Kurier- und Expressdienste nicht herum:

Das weltweit größte Versandhandelsunternehmen OTTO hat in den 90ern dringend benötigte Arbeitsplätze in die sachsen-anhaltische 19000-Einwohner-Stadt Haldensleben gebracht. Mittlerweile sind es rund 3000 Stellen. Allerdings gliederte der Konzern das Haldenslebener Versandzentrum zwischenzeitlich in seine Logistik-Tochter »Hermes Fulfilment« aus und senkte damit die Löhne drastisch. Zudem läßt Hermes heute einen großen Teil der Arbeit von Zeitarbeitern erledigen. Neues Personal, vorrangig für die Kommissionierung im Schichtbetrieb, aber auch für die Führungsaufgaben, wird fast ausschließlich über das Zeitarbeitsunternehmen »Randstad« rekrutiert. Die Löhne der Leiharbeiter sind so niedrig, daß viele sie vom Jobcenter aufstocken lassen müssen. Zusätzlich kursiert das Gerücht, daß Hermes 120 bis 150 polnische Leiharbeiter in die Hallen holen will, weil die Zeitarbeitsfirma zu wenig Arbeitskräfte zu Verfügung hat. […] Eine langjährige Mitarbeiterin, die in der Warenkommissionierung arbeitet, berichtet: »Heute nimmt der Streß überhand.« Sechs-Tage-Wochen seien nicht selten. »Die Arbeit ist mehr geworden, der Lohn allerdings nicht.« Sie habe zwar einen Vertrag über 130 Stunden im Monat, arbeite aber meist Vollzeit. Bei den vielen Leiharbeitern »kriegt man Angst um den eigenen Job«, sagt sie. Ständig seien neue Leute da. Wundern tut sie das nicht: »Für den Hungerlohn würde ich diese Arbeit auch nicht machen
Der 22jährige Sebastian K. (Name von der Redaktion geändert) ist seit einem halben Jahr einer dieser Hungerlöhner. Für seine Arbeit in der Kommissionierung erhalte er durchschnittlich 750 bis 850 Euro netto von »Randstad«. Sein Stundenlohn lag anfangs bei 6,65 Euro. Seit dem 1. Mai bekommt er 6,89 Euro. Auch er ist für 130 Stunden eingestellt und schiebt regelmäßig Acht-Stunden-Schichten, oft auch sonnabends. Das sei aber auch nötig: »Sonst käme ich vielleicht auf 500 Euro, davon kann ich ja nicht leben.« Die ersten Monate sei er kaum klargekommen, da die Überstunden zunächst auf ein Zeitkonto geflossen und nicht ausbezahlt worden seien.“[4]

Die beim Statistischen Bundesamt zu findende PDF-Datei „Der Dienstleistungssektor. Wirtschaftsmotor in Deutschland. Ausgewählte Ergebnisse von 2003 bis 2008“ ist sehr aufschlussreich[5] . Bereits im Vorwort heißt es:

Mit dem technischen Fortschritt und der Steigerung der Arbeitsproduktivität sowie der zunehmenden Globalisierung verändern sich die Strukturen einer Volkswirtschaft. Dominierte vor einem halben Jahrhundert noch der industrielle Sektor, so leistet der Dienstleistungssektor heute den größten Beitrag zum Bruttoinlandsprodukt.

Dargestellt ist das in zwei Schaubildern. 1.: die Verteilung der Erwerbstätigen in den Bereichen Land- und Forstwirtschaft, Fischerei (primärer Sektor), produzierendes Gewerbe (sekundärer Sektor) sowie Dienstleistungssektor (tertiärer Sektor), 2: die Bruttowertschöpfung dieser drei Sektoren.

In Zahlen ausgedrückt stellt sich der Strukturveränderungen so dar, dass„1970 noch knapp 45% der 26,6 Millionen Erwerbstätigen im früheren Bundesgebiet im Dienstleistungssektor tätig waren und fast 4 Jahrzehnte später rund 72% von 39,8 Millionen Erwerbstätigen. Im gleichen Zeitraum sank der Anteil der Erwerbstätigen im produzierenden Gewerbe an den Erwerbstätigen insgesamt um 21 Prozentpunkte.“

Schauen wir uns abschließend noch die Zahlen der Bruttowertschöpfung an:

Im Jahr 1970 steuerten sowohl das Produzierende Gewerbe als auch der Dienstleistungssektor jeweils 48% zur Bruttowertschöpfung bei. 2007 wurden vom Produzierenden Gewerbe nur noch etwa 30 % erwirtschaftet; vom Dienstleistungssektor hingegen knapp 69 %. Dabei ist zu berücksichtigen, dass die Verschiebung vom sekundären zum tertiären Sektor natürlich auch eine Folge zunehmender Ausgründungen von früher unternehmensinternen Dienstleistungen in eigene rechtlich selbstständige Einheiten ist (Outsourcing). Erwähnenswert ist zudem, dass die Bruttowertschöpfung in Deutschland 2007 weit mehr als sechsmal größer war als 1970.

Erwähnenswert ist ebenfalls, dass dieses Outsourcing immer mit Lohneinbußen und Arbeitsverdichtung vonstattengeht. Diese Entwicklung ist dem globalisierten Rentabilitätswahn geschuldet und mehr eine Zumutung für die betroffenen Lohnabhängigen sowie der neuen Scheinselbständigen, als ein Grund zum Feiern.

Der Vollständigkeit halber gehören auch die Strukturveränderungen innerhalb des Dienstleistungssektors an diese Stelle, die es ebenfalls in sich haben:

Auch innerhalb des Dienstleistungssektors haben sich in den letzten Jahren erhebliche Strukturveränderungen vollzogen. Wurden früher vorwiegend haushaltsnahe Dienstleistungen, wie Handel und Gastgewerbe, in Anspruch genommen, liegt der Schwerpunkt heute bei den überwiegend unternehmensnahen Dienstleistungsbereichen, wie Finanzierung und Vermietung. Dies zeigen die Ergebnisse in der folgenden Tabelle 1. Danach ist der Anteil vom Handel und Gastgewerbe an den Dienstleistungsbereichen insgesamt von 1970 bis 2007 um 9,4 Prozentpunkte gesunken, während der Anteil der unternehmensnahen Bereiche „Finanzierung, Vermietung und sonstige wirtschaftliche Dienstleistungen“ im gleichen Zeitraum um 13,8 Prozentpunkte angestiegen ist. Gründe hierfür sind insbesondere die enorme Entwicklung der Informations- und Kommunikationstechnologie sowie die Entstehung von neuen Tätigkeitsfeldern, wie z. B. Logistik und Leasing.

Ob nun gerade das Sinken des Anteils von Handel und Gastgewerbe nicht auch ein absolutes Sinken ist oder nur anteilsmäßig an den Dienstleistungsbereichen insgesamt, kann hier nicht nachvollzogen werden. Es ist allerdings in Anbetracht des Sinkens der Reallöhne wahrscheinlich.

Trotz der Jubelarien industrienaher Institute über einen sagenhaften Aufschwung geht auch im produzierenden Gewerbe der Arbeitsplatzabbau verbunden mit Lohnsenkung und Flexibilisierung immer weiter:

Beim Schienenfahrzeughersteller Alstom in Salzgitter stehen die Zeichen auf Konflikt. Die französische Konzernspitze droht mit Entlassungen und fordert weitreichende Eingriffe in den Tarifvertrag. […] Anfang vergangener Woche hat das Alstom-Management ein »Angebot« vorgelegt: Statt der geplanten 700 sollen »nur« 300 Arbeiter entlassen werden. Für dieses vermeintliche Zugeständnis sollen die verbleibenden 2400 Beschäftigten aber drastische Kürzungen hinnehmen. Die Wochenarbeitszeit soll von 35 auf 40 Stunden verlängert werden – ohne Lohnausgleich. Auf Weihnachts- und Urlaubsgeld müßten die Alstom-Mitarbeiter komplett verzichten, ebenso wie auf Tariferhöhungen in den kommenden drei Jahren. Insgesamt summieren sich die Maßnahmen laut IG Metall auf Lohneinbußen von bis zu 45 Prozent. Damit will der Konzern 23 Millionen Euro sparen. […] Der Betriebsrat hatte diverse Vorschläge zur effektiveren Arbeitsorganisation vorgelegt. Im Gespräch sind die Auslagerung nicht direkt »wertschöpfender« Tätigkeiten, Veränderungen im Schichtsystem sowie flexiblere Arbeitszeiten, mit denen die Beschäftigten Plus- und Minusstunden im dreistelligen Bereich ansammeln könnten.“[6]

Es ist nicht nötig, die gesamte Übersicht des Statistischen Bundesamtes durchzuarbeiten. Man findet hier im Abschnitt M einige hochqualifizierte Freiberufler aus den wissenschaftlichen und technischen Bereichen. Eine zahlenmäßige Ausdehnung dieses Bereiches ist wohl zukünftig kaum noch möglich, da sich dieser bereits in den Nachkriegsjahrzehnten voll entwickelt hat. Dies trifft auch auf fast alle restlichen Dienstleister zu, wobei hier auch noch einige „Billiglöhner“ anzutreffen sind, wie z.B. bei den Wach.- und Sicherheitsdiensten. Andere Bereiche profitieren von der Deregulierung des Arbeitsmarktes, wie die in Abteilung N angesiedelten Zeitarbeitsfirmen. Alles in allem lässt sich aber behaupten, dass sich der Dienstleistungssektor zahlenmäßig kaum noch ausdehnen lässt, will man die jetzt schon herrschenden Zustände nicht noch verschlimmern. Aber natürlich ginge da auch noch was mit ein bisschen „guten Willen“. In den USA gibt es da wunderbare Geschäftsideen, wie z.B. das Aufhalten von Einkaufstüten in den Supermärkten. Auch trifft man hierzulande kaum einen Schuhputzer und ein paar Würstchenverkäufer mehr könnte es auch geben, oder etwa nicht?

Marx‘sche Theorie

Einen so gewaltigen Ausbau des Dienstleistungssektors konnte auch Marx nicht voraussehen. Die Welt scheint Kopf zu stehen, wesentlich mehr Beschäftigte und eine höhere Bruttowertschöpfung bei den Dienstleistern. Der Begriff der Bruttowertschöpfung bedarf einiger Erklärungen. Das alles Entscheidende in diesem Wirtschaftssystem ist das Wachstum. Die Grundlage für das Bruttosozialprodukt (BSP) sind die Umsätze der Unternehmen. Vom Brutto-Produktionswert zieht man die Vorleistungen ab und erhält die Bruttowertschöpfung. Die Vorleistungen bestehen aus eingekauften Vorprodukten und aus Dienstleistungen (sic!). Wenn für das produzierende Gewerbe Dienstleistungen nichts als Kosten sind, die abgezogen werden müssen, dann wird auch klar, dass diese Bruttowertschöpfung bei den Dienstleistern etwas völlig Anderes sind als bei den Produzenten, weil diese tatsächlich Wert bzw. Mehrwert erzeugen. An dieser Stelle wird klar, wie abhängig die produktionsnahen Dienstleister von der Mehrwertproduktion sind.

Marx arbeitet in seinen Analysen mit den Begriffen Produktionssphäre, Zirkulationssphäre und der Konsumtionssphäre. Während in der Produktionssphäre Wert und der in der kapitalistischen Produktionsweise alles entscheidende Mehrwert produziert werden, finden in der Zirkulationssphäre lediglich Nullsummenspiele statt. Marx erklärt das am Warenbesitzer A, der so pfiffig ist, seinen Kollegen B übers Ohr zu hauen. Der Gewinn des Einen ist der Verlust des Anderen. Und er kommt zu dem Schluss:

Man mag es drehen und wenden, wie man will, das Fazit bleibt dasselbe. Werden Äquivalente ausgetauscht, so entsteht kein Mehrwert, und werden Nicht-Äquivalente ausgetauscht, so entsteht auch kein Mehrwert. Die Zirkulation oder der Warenaustausch schafft keinen Wert.“[7]

Der Dienstleistungssektor schafft zwar versteuerbares Einkommen aber keinen Mehrwert und gehört deshalb in die Zirkulationssphäre. Die Unschärfe in den Darstellungen der Volkswirtschaftlehre beruht darauf, dass die Produktion von Mehrwert ausgeblendet wird, da die Arbeitswert-Theorie bei unseren Ökonomen keine Rolle mehr spielt. Damit wird aber die Gesellschaft blind für ihren schleichenden Zersetzungsprozess, der da lautet: Entwertung der Arbeit. Den Staat interessieren vordergründig die Bruttowertschöpfung, Steuereinnahmen und die Zahl der Erwerbstätigen.

Nehmen wir das Beispiel des Friseurs. Der Friseur ist ein reiner Dienstleister der nichts produziert. Am Ende seiner Tätigkeit steht kein Produkt, sondern lediglich die vollzogene Dienstleistung. Er bewegt sich deshalb auch nicht in der Produktionssphäre, sondern in der Zirkulationssphäre, in der er seine Ware Arbeitskraft in Form einer Dienstleistung verkauft. Nach vollzogener Dienstleistung bekommt er bares Geld aus der Geldzirkulation. Das ist gut für die Geldumlaufgeschwindigkeit und erzeugt versteuerbares Einkommen, steigert also auch das BIP. Die Bezahlung kann von Leuten aus der Produktionssphäre kommen oder auch von Leuten aus den tertiären Bereichen. Er hat aber nur die Geldzirkulation angezapft. Auch angestellte MitarbeiterInnen können im günstigen Fall nur Gewinne aus der Geldzirkulation erzielen. Auch hier mag man es drehen und wenden wie man will. Der Gewinn des Friseurmeisters sind die Geldausgaben seiner Kunden.

Der Übergang zwischen Dienstleistung und Sachleistung ist fließend. Überwiegend ist die Dienstleistung immateriell. Ist sie es nicht, tun sich unsere Experten mit der Zuordnung schwer. Aber beide heben sich klar von der Produktionssphäre ab (siehe unten) und diese ist entscheidend für die Mehrwertproduktion. Nehmen wir das interessante Beispiel eines Maßschneiders. Seine Produkte sind qualitativ hochwertige und auftragsbezogene Einzelanfertigungen. Sein Produkt und seine Dienstleistung fallen in eins, sein Produkt IST die Dienstleistung und auch nur so überhaupt verkäuflich. Damit unterscheidet er sich auch sehr deutlich von der Textilindustrie, mit der er nicht konkurrieren kann, denn bei dieser wird Mehrwert in großem Umfang produziert. Ein Merkmal der Produktionssphäre. Aber auch in diesem Bereich lauert bereits moderne Technik, die seine Arbeit bald entwerten könnte.

Wenden wir uns der Produktionssphäre zu. Das vorgeschossene Kapital C = Geldsumme für Produktionsmittel besteht aus c (konstantes Kapital) + Arbeitskraft v (variables Kapital). Es werden Rohstoffe, Betriebsmittel und Arbeit vorfinanziert. Das kommt in der Formel C = c + v zum Ausdruck. Hier wird durch Mehrarbeit, d.h. durch Arbeit, die nicht bezahlt wird und über v hinausgeht, der Mehrwert produziert: m. Dies kommt in der Formel C‘ = c + v + m zum Ausdruck. Aber auch die in der nicht bezahlten Arbeitszeit produzierten Waren müssen natürlich vorfinanziert werden, so dass tatsächlich der Wertzuwachs nur aus der zusätzlichen nicht bezahlten Mehrarbeit, dem Mehrwert m, besteht. Außerdem ist klar, dass es sich bei der Folge Geld – Ware – Geld (G-W-G’) um einen in sich verschränkten Prozess handelt. Dass also in C‘ auch immer realisierter Gewinn steckt (Akkumulation). Des Pudels Kern ist also, dass dieser Kreislauf auf stets höherer Stufenleiter stattfinden muss, immer wieder Arbeit absorbieren und verwerten muss, was aber bei ständig steigender Produktivität nicht mehr möglich ist. Die lebendige Arbeit wird überflüssig. Das wäre sicher toll, wenn wir nicht über Arbeit und Geld vergesellschaftet wären.

Für diejenigen, die die Werttheorie bewusst ablehnen, hier eine plastische, wenn auch verkürzte Darstellung. Wir stellen uns mal den gesamten Warenberg inkl. der Überproduktion von Gammelfleisch- und Butterbergen, auf Halde produzierte Autos und Milchseen, vor. Diese „ungeheure Warensammlung“ (Marx) enthält vergangene Arbeit, sprich Arbeitszeit, also auch Lohnarbeitszeit. Wenn dieser Warenberg in immer größerer Geschwindigkeit produziert wird, dann repräsentiert er auch immer weniger Lohnarbeitszeit. Die Löhne selber werden natürlich noch von anderen Faktoren bestimmt, nämlich von Konkurrenz, Rentabilität und selbstverständlich auch von den Abwehrkämpfen. Aber diese beschriebenen Prozesse haben den Strukturwandel hin zur Dienstleistungsgesellschaft erzwungen, der in Wirklichkeit eine Strukturkrise ist. Eine prosperierende Dienstleistungsgesellschaft ist ein Widerspruch in sich, was im folgenden Abschnitt deutlich wird.

In diesem Abschnitt sollen die Produktions- und Zirkulationssphäre sowie ihre Untergliederungen und Beziehungen untereinander beleuchtet werden.

Für Marx war die Produktionssphäre immer bestimmt von den Kapitalisten, also den Großindustriellen, die der kapitalistische Wirtschaftsweise den Stempel aufdrückten, das Gros an Waren produzierten und die große Masse an lebendiger Arbeit verwerteten:

Bei Kolonisten und überhaupt selbständigen Kleinproduzenten, die über Kapital gar nicht oder nur zu hohen Zinsen verfügen können, ist der Produktenteil, der den Arbeitslohn vertritt, ihre Revenue, während er für den Kapitalisten Kapitalvorschuß ist. Jener betrachtet diese Arbeitsauslage daher als unumgängliche Vorbedingung für den Arbeitsertrag, um den es sich zunächst handelt. Was aber seine überschüssige Arbeit betrifft, nach Abzug jener notwendigen Arbeit, so realisiert sie sich jedenfalls in einem überschüssigen Produkt; und sobald er dies verkaufen oder auch selbst verwenden kann, betrachtet er dies als etwas, was ihm nichts gekostet hat, weil keine vergegenständlichte Arbeit.“[8]

Damit sollen hier zunächst die Unterschiede zwischen Kleinproduzenten und Kapitalisten deutlich gemacht werden. Den Ton geben die Kapitalisten an, oder wie wir heute sagen würden, die Konzerne und Großbetriebe. Das Rentabilitätsniveau ihrer Produktion ist gesellschaftlich maßgebend.

Die Zirkulationssphäre war in der Marx’schen Analyse vom Großhandel geprägt, während die Dienstleistungen eine untergeordnete Rolle gespielt haben. Wie Marx zeigte, profitierte der Großhandel und auch der Einzelhandel in der Zirkulationssphäre von der Mehrwertproduktion der Produktionssphäre, indem ein Teil des Mehrwertes an diese weitergegeben wurde und auch heute noch wird, und hier unter Konkurrenzbedingungen realisiert werden muss. Dies trifft auf die Dienstleister natürlich nicht zu. Im Weiteren unterteile ich also die Zirkulationssphäre in Groß- und Einzelhandel, Gewerbetreibende ohne Wertschöpfung (z.B. Friseur), Gewerbetreibende mit Wertschöpfung (z.B. Maßschneider) und Gewerbetreibende mit geringer Mehrwertproduktion. Auch sie gehören m.E. in die Zirkulationssphäre, da diese Mehrwertproduktion gesellschaftlich nicht maßgebend ist und ihre Waren meist auch nur mit der dazugehörigen Dienstleistung verkäuflich sind. Sie stehen also mit einem Bein fest in der Zirkulationssphäre. Hier handelt es sich um kleine Handwerker mit einigen Mitarbeitern. Dagegen gehören mittelständige Betriebe, die nur produzieren und bei denen es sich meist um Zulieferer für Konzerne handelt, in die Produktionssphäre. Sie sind allerdings völlig abhängig von unseren so genannten Leuchttürmen, da sie Preise und Lieferbedingungen aufoktroyiert bekommen. Die Leuchttürme strahlen tatsächlich das globale Rentabilitätsniveau in Form von Billiglöhnen und Arbeitsverdichtung über ihre schönen Standorte. Mit diesen Erläuterungen erübrigen sich m.E. große Diskussionen, ob nicht dieser oder jener Dienstleister nicht doch ein bisschen mehr in diese oder jene Sphäre eingeordnet werden sollte.

Zusammenfassend kann man also sagen: Tonangebend sind die Großproduzenten. Sie produzieren das Gros der Waren, diktieren die Preise und Spielregeln und bestimmen das Rentabilitätsniveau. Groß- und Einzelhandel profitieren von deren Mehrwertproduktion. Kleinproduzenten stehen unter Preisdiktat der Konzerne. Dienstleister, egal ob wertschöpfend oder nicht, sowie kleine Handwerker, sind abhängig von der Zahlungsfähigkeit der Kunden, egal ob private oder öffentliche. Wenn die kapitalistische Wirtschaftsweise selber in einer strukturellen Krise steckt, können die Teilbereiche, bestehend aus Kleinproduzenten und Dienstleistern, keine neue Welle von Prosperität und Wohlstand auslösen. Hierfür wären neue Technologien, neue Produkte, billige Energie und neue Märkte erforderlich, die in der Lage sind, die derzeit überflüssige Bevölkerung wieder rentabel in Arbeit zu setzen. Dies ist aber weit und breit nicht in Sicht.

Monat für Monat werden uns die Erfolge bei der Bekämpfung der Arbeitslosen, sorry, ich wollte schreiben: bei der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit, medial wie eine Frontberichterstattung um die Ohren geschlagen. Ein Gespräch zum Thema Arbeitslosenstatistik mit Herbert Schui in der Jungen Welt:

FDP-Minister Brüderle hat eine vorsorgliche Erfolgsmeldung abgegeben. Die Arbeitslosigkeit werde im Jahresmittel unterhalb der Drei-Millionen-Marke bleiben. Ist das plausibel?
Nirgendwo wird so mit Zahlen jongliert wie bei der Arbeitslosenstatistik. Tatsachlich suchen fast zehn Millionen Menschen eine Arbeit. Dazu gehören Teilzeitbeschäftigte, die eine Vollzeitstelle benötigen, und Vollzeitbeschäftigte, die zu wenig verdienen, um davon leben zu können. Dann gibt es noch die stille Reserve, die ganz aus der Statistik herausdefiniert wird. Tatsache ist: Die insgesamt geleisteten Arbeitsstunden pro Woche sinken ständig. Gleichzeitig sinkt aber auch die Zahl der wöchentlichen Arbeitsstunden pro Angestelltem. So kann die Zahl der Beschäftigten konstant bleiben oder sogar steigen. Die hohe Teilzeitquote ist ein Ergebnis der Hartz-Reformen.
Brüderle verweist darauf, daß 2012 die Zahl der Erwerbstätigen auf 41 Millionen steigen werde.
Das sagt nicht viel aus. Viele Selbständige müssen zu sehr geringen Einkommen arbeiten, und als abhängig beschäftigt gilt schon, wer mehr als 15 Stunden arbeitet.“[9]

Ist ja toll, die Probleme sollen gelöst werden, indem wir die Zahl der Erwerbstätigen erhöhen? Und wie hoch müssen die Warenberge wachsen damit wir Vollbeschäftigung bekommen? Und wie soll diese Vollbeschäftigung aussehen? Das Gros der erwerbsfähigen Bevölkerung als Mini- und 1-Euro-Jobber? Oder in Dienstleistungsklitschen das Leben fristend? Aber die Entwicklung bleibt nicht stehen. Bereits in den 1990er Jahren träumten unsere Wirtschaftseliten auf einem Managerkongress, dass 20 Prozent der arbeitsfähigen Bevölkerung ausreichen sollen, um den Weltmarkt mit Dienstleistungen und Gütern zu versorgen. Orwell lässt schön grüßen und der Lagerkommandant T.E. Frazier freut sich schon.

Wir haben also die Situation, dass die Produktionssphäre wegen ihrer inneren Widersprüche von steigender Produktivität bei gleichzeitiger Reduzierung lebendiger Arbeit, sich in einer strukturellen Krise befindet, die sich auf ALLE Sphären der Gesellschaft auswirkt. Die Reaktion darauf ist eine Fluktuation von der Produktionssphäre in die Zirkulationssphäre, die unter ohnehin schwierigeren Bedingungen jetzt noch zusätzlich aufgeblasen wird. Dass sich daraus keine neue Welle von Prosperität entwickeln kann, habe ich versucht zu zeigen. Dienstleistungsgesellschaft ist letztendlich eine freundliche Umschreibung für eine desaströse strukturelle Krise des kapitalistischen Wirtschaftssystems.

Kapitalistisch lassen sich die Widersprüche nicht mehr auflösen, zumindest nicht im Interesse der Bevölkerung. Es muss ein Bewusstsein wachsen, dass wir unsere Lebensinteressen nicht unter Finanzierungsvorbehalte und Sachzwänge stellen. Zuerst kommt der Mensch, dann kommt die Wirtschaft!


[1] Statistisches Bundesamt: Strukturerhebung im Dienstleistungsbereich 2008. Wiesbaden 2010.

[2] Herbert Wulff: Reallöhne trotz Aufschwung im Sinkflug. Junge Welt vom 12.05.11 Seite 1. http://www.jungewelt.de/2011/05-12/002.phphttp://www.jungewelt.de/2011/05-12/002.php

[3] Britische Zustände. Junge Welt vom 17.05.2011 Seite 15 http://www.jungewelt.de/2011/05-17/006.php

[4] Susan Bonath: Ohne Überstunden reicht es nicht. Junge Welt vom 09.05.2011 Seite 4. http://www.jungewelt.de/2011/05-09/043.php

[6] Herbert Wulff: Direktiven aus Paris. Junge Welt 18.04.2011 Seite 2. http://www.jungewelt.de/2011/04-18/050.phphttp://www.jungewelt.de/2011/04-18/050.php

[7] MEW 23 S. 177/178

[8] MEW 25 S. 703

[9] Mirko Knoche: „Tatsächlich suchen fast 10 Millionen Arbeit.“ Ein Gespräch mit Herbert Schui. Junge Welt vom 24.05.2011 Seite 9. http://www.jungewelt.de/2011/05-24/016.phphttp://www.jungewelt.de/2011/05-24/016.php