Die Zeitschrift der AG Gesellschaftskritik

von Markus Winterfeld

1 Einleitung

Im Januar 2011 hatte die „AG Gesellschaftskritik“ in Dresden und einigen anderen Städten eine wenig beachtete kleine Zeitschrift herausgegeben, welche in ihrem gesellschaftskritisch-theoretischen Anspruch für den Raum Dresden eine wichtige Neuheit darstellt. [1] Im Zentrum der „Zeitschrift“ steht die ohne Umschweife ausgesprochene Möglichkeit und Notwendigkeit der Überwindung der kapitalistischen Gesellschaftsordnung. Davon untrennbar ist der Stellenwert, der der kritischen Theoriebildung zuerkannt wird: „Der unhintergehbare, notwendige Ausgangspunkt für den Kommunismus […] ist die kritische Theorie der Gesellschaft, die […] der praktischen Aufhebung dieser Verhältnisse den Weg bereitet“ (S. 3).

Die Zeitschrift selbst besteht aus einem Editorial nebst fünf Artikeln, beginnend mit den beiden überarbeiteten Flugblättern „Pseudoaktivität als Dienst am Staat“ und „Vom Elend der linken Studierenden“ die sich gegen die Inhalte der „Wir sind MehrWert“-Demonstration am 3. November 2010 in Dresden richten. Mit der „Solidaritätsadresse an die Wütenden in Frankreich“ folgt eine Wiedergabe der Entwicklung der französischen Streiks im September/Oktober 2010 und ein Versuch, ihre inneren Schranken zu bestimmen. „Der historische Materialismus ist ein Realismus“ knüpft daran an mit der Bestimmung des Wesens und der Rolle des Proletariats im Kapitalismus, worauf die „Marginalien zum kommenden Aufstand“ das Verhältnis von kapitalistischen Widersprüchen, Widerstand und kritischer Begriffsbildung darlegen sollen. Den Abschluss bildet eine Sammlung von Nachrichten und Kommentaren zu den französischen Streiks im Herbst 2010. [2]

Es ist an der Zeitschrift ganz prinzipiell zu begrüßen, dass durch alle Beiträge hindurch versucht wird, an die Marx’sche Kritik des Kapitals und der Warenproduktion Anschluss zu finden. Ungeachtet aller Widersprüche und Leerstellen in der Theorie der AG Gesellschaftskritik, wie sie im folgenden dargestellt werden sollen, muss dies unbedingt anerkannt werden: dass die kategoriale begriffliche Ebene überhaupt berührt wurde, und dass damit verbunden die Kritik sich gegen das wendet, was als das Ganze der kapitalistischen Gesellschaftsordnung angesehen wird. Bemerkenswert ist ebenso der starke Bezug aller Texte zu den Sozialprotesten und Streiks in Frankreich und Griechenland, worin sich der klare Wille ausdrückt, die verbreitete Selbstbezüglichkeit der linken Debatte zu überwinden. Wenn die AG Gesellschaftskritik bezüglich der Auseinandersetzungen in Griechenland konstatiert, dass die deutsche Linke „es einzig fertig gebracht [hat], in typisch bewegungslinker Manier [sich] um sich selbst drehende Antirepressionsdemos zu veranstalten, ohne auch nur einen Gedanken an die soziale Konfliktualität zu verschwenden “ (6), so ist damit das Elend dieser Linken treffend verortet, darüber hinaus aber eine wichtige Grundforderung an eine kritische Gesellschaftstheorie erhoben, welche nämlich in der Lage sein muss, die aktuellen globalen Konflikte zu interpretieren.

So sympathisch der zentrale Stellenwert der französischen und griechischen Proteste in der „Zeitschrift“ ist, es erscheint an ihm bereits eine grundlegende Schwachstelle aller präsentierten Texte: das theoretische Schweifen in der Ferne führt zu einer verzerrten Erkenntnis der Verhältnisse. Die als „Klassenkämpf[e] […] in Frankreich oder Griechenland“ (6) behaupteten Proteste werden nicht in ihren eigenen Äußerungen betrachtet, sondern nur unter das Zutagetreten des „revolutionären Subjekts“ – des Proletariats – subsumiert. Diese Vorstellung vom Proletariat, welches der kapitalistischen Gesellschaft schlussendlich äußerlich gegenüber stehen muss, ist geknüpft an eine Theorie des Kapitalismus, welche nicht dessen Substanz berührt, sondern diesen aufspaltet in ein (vom revolutionären Proletariat verkörpertes und von diesem fortzuführendes) fortschrittliches Moment – verortet in den Produktivkräften und im gesellschaftlichen Formprinzip der Arbeit – einerseits; und in ein schlussendlich auf das Privateigentum beschränktes Zwangsgehäuse dieser Produktivkräfte andererseits, welches zu sprengen ist und das eigentlich kapitalistische Prinzip darstellen soll.

Eine solche Theorie muss die realen Vermittlungen der kapitalistisch vergesellschafteten Menschen (über das gegenseitige Inbeziehungsetzen der Arbeiten, die geschlechtliche Abspaltung, usw.) zwangsläufig ausblenden, da der Kapitalismus gegenüber der scheinbar unmittelbar materiellen Produktion und dem gesellschaftlichen Leben einen äußerlichen Aufsatz darstellen soll. Hierbei werden die Resultate dieser gesellschaftlichen Beziehungen projektiv zu einer „sachlichen Macht“ verdinglicht, welche außerhalb der Menschen existieren soll und welche die Zwecke der gesellschaftlichen Produktion und des gesellschaftlichen Lebens bestimmen soll – und schlussendlich unerklärbar bleibt.

Vorweg noch ein notwendiges Wort zur Vorgehensweise dieser Kritik. Liest man die „Zeitschrift“ der AG Gesellschaftskritik, so handelt der überwältigende Teil der Textpassagen vom Proletariat (entweder im allgemeinen, oder dem französischen/griechischen im besonderen) und dessen Konflikt mit der kapitalistischen Gesellschaft. Im Folgenden wurde der Fokus bewusst weg von dieser vordergründigen Auseinandersetzung bewegt, um die dahinter stehenden Theorien und Ansichten über das, was die kapitalistische Gesellschaft selbst ist, aufzudecken. Dies ist schon darin begründet, dass die Thesen der „Zeitschrift“ zum Proletariat aufgrund ihres teilweise haarsträubenden Charakters leichter Gegenstand jeder Polemik wären, und sich damit kaum für eine ernsthafte Diskussion lohnen. Die Konzentration auf die „dahinter stehende“ Theorie bedeutet natürlich auch, dass diese erst mühsam aus Fußnoten und beiläufigen Äußerungen herausgearbeitet, zusammengesucht und zu einem guten Teil rekonstruiert werden muss. Dies ist jedoch in den behandelten Texten selbst begründet, denn gerade der Versuch, die eigene Theorie unklar, bruchstückhaft und aus der Pose der souveränen Vermittlungslosigkeit heraus darzustellen, ist Ausdruck begrifflicher Lücken und mangelnder gedanklicher Konsequenz. Es ist daher nicht vermeidbar, dass in dieser kritischen Darstellung der „Zeitschrift“ Zitate und theoretische Fetzen über alle Artikel hinweg zusammengefügt und ins Verhältnis gesetzt werden müssen; einige dieser Zitate werden, unter verschiedenen Gesichtspunkten, mehrmals betrachtet, um in ihnen zusammengezogene theoretische Prämissen gesondert zu behandeln.

2 Kritik des Privateigentums als verkürzte Kapitalismuskritik

Die fundamentale Begründung, warum die Abschaffung des Kapitalismus notwendig sei, findet sich an verschiedenen Stellen der „Zeitschrift“ in ähnlichen Formulierungen: „Die Gesellschaft, in der wir leben, hat es fertig gebracht, solch immense Reichtümer zu produzieren, dass einem jeden Menschen ein erquickliches Leben garantiert werden könnte. Aufgrund ihrer Konstitution als Klassengesellschaft, die wiederum im gnadenlosen Ausschluss der Menschen vom Reichtum besteht, […] [ist] sie historisch überflüssig“ (4). Die vorhandenen Möglichkeiten der menschlichen Bedürfnisbefriedigung befinden sich im Widerspruch mit dem realen Dasein der Menschheit, welches in absoluter oder relativer Armut gefristet wird; eine richtige und wichtige Feststellung, doch auf die Begründung kommt es an. Die Ursache dieses Widerspruchs soll in der gesellschaftlichen „Konstitution als Klassengesellschaft“ bestehen, in welcher „[d]ie Produktivkräfte […] den von ihren Produktionsmitteln expropriierten Menschen […] nicht zur Verfügung“ stehen (5). Es ist also laut der AG Gesellschaftskritik das Privateigentum an Produktionsmitteln (Maschinen, Gebäude, Infrastruktur), welches bewirkt, dass die gesellschaftlichen Produktivkräfte nicht zum Wohl der Menschen angewandt werden; dementsprechend soll die Überwindung des Kapitalismus in der „Abschaffung des Privateigentums an den Produktionsmitteln und Aneignung der entfremdeten vergesellschafteten Gattungskräfte“ bestehen (17).

Eine solche Kritik des Privateigentums bleibt allerdings bei der gesellschaftlichen Verteilung stehen. Das tatsächlich Allgemeine der kapitalistischen Produktionsweise, dass diese nämlich eine Produktion von Waren ist, wird dagegen überhaupt nicht betrachtet bzw. zur bloßen Folgeerscheinung des Privateigentums degradiert. Wenn die AG Gesellschaftskritik schreibt: „Selbstverständlich ist die Basis gesellschaftlicher Konstitution die jeweilige Produktionsweise, aus der die gesellschaftlichen Vermittlungsformen herrühren“ (17 Fußnote), so ist mit der Produktionsweise hier nichts als das Privateigentum gemeint; denn dieses Privateigentum soll den Warentausch, als Notwendigkeit von gesellschaftlicher Vermittlung überhaupt, erst hervorbringen. Die Privatproduktion wird damit vorgestellt als eine „gesellschaftlich[e] Praxis, in der gesellschaftlicher Kontakt nur vermittels des Tausches von Waren, also als sachlich vermittelt stattfindet, gleichsam als ob die Menschen nur die Bewegungen der Sachen nachvollzögen“ (5). Die allgemeine Fixierung auf Privateigentum und Privatproduktion wird von der AG Gesellschaftskritik bis zur These gesteigert, dass es sich beim Kapitalismus um eine „ungeschlichtet[e] naturwüchsig[e] Produktion“ (9 Fußnote) und eine von „ungesellschaftliche[r] Fremdheit“ geprägte Gesellschaft (14) handelte. Die Privatheit wird hier als platt-abstrakte Ungesellschaftlichkeit gelesen, so dass ein „gesellschaftlicher Kontakt“ erst außerhalb der Produktion, nämlich auf dem Markt, möglich (und notwendig) sein soll.

Dass aus der Privatproduktion der Warentausch als Notwendigkeit von gesellschaftlicher Vermittlung überhaupt hervorgeht, mag eine gewisse ableitungslogische Schein-Plausibilität besitzen; unerklärbar bleibt damit aber, warum die Produkte die Wertform annehmen, d.h., weshalb sich die Menschen gerade über den Tausch vergegenständlichter abstrakt-menschlicher Arbeit vermitteln; es sei denn freilich, man ist der Meinung, dass die Produkte als sachlicher Reichtum doch immer und in allen Gesellschaften nichts als verdinglichte abstrakte Arbeit darstellen würden. [3] Vielsagend ist hier, dass für die AG Gesellschaftskritik die eigentliche Produktionsweise, d.h., die Art und Weise wie die einzelnen Privatproduzenten den sachlichen Reichtum produzieren, überhaupt keinen Gegenstand der Kritik mehr darstellt, sondern als „naturwüchsig“ daherkommt. Die eigentliche Gesellschaftlichkeit spielt sich außerhalb der Produktionssphäre ab und besteht somit allein in der äußerlichen Moderation und in den Rahmenbedingungen der „naturwüchsigen Produktion“. Kritisierbar ist damit das Privateigentum, nicht jedoch das, was sich innerhalb dieser Formhülle abspielt.

Tatsächlich aber ist die Unmenschlichkeit oder Dumpfheit, die dem modernen kapitalistischen Produktionsprozess anklebt, nichts anderes als Ausdruck der unter die Wertform subsumierten innersten Produktion selbst, wodurch deren Fortschritt allein in der qualitativen und quantitativen Reduktion des Einsatzes von menschlicher Arbeit besteht. Gegen die These der ungesellschaftlichen Produktion muss daher unbedingt eingewendet werden, dass das Privateigentum an Produktionsmitteln in der kapitalistischen Gesellschaft immer schon einem gesellschaftlichen Zugriff ausgesetzt ist, denn die Produktionsmittel sind ihrem gesellschaftlichen Dasein nach Kapital, d.h., vergegenständlichte abstrakte Arbeit. [4] Als solche aber unterliegen sie dem durch die Konkurrenz gesetzten gesellschaftlichen Zwang der Generierung von Mehrwert: in der Anwendung der Produktionsmittel muss die weitere Einsaugung von abstrakter Arbeit erfolgen. Fallen die jeweiligen technischen Produktionsmittel als Kapitalien hinter die gesellschaftlich gesetzte durchschnittliche Profitrate zurück, so sind sie zur Stilllegung/zum Abriss und die mit ihnen verknüpften Kapitalien zum Untergang gezwungen. Der Begriff vom „rastlos-irrationalen Zwang zur Akkumulation um der Akkumulation willen“ (5), den die AG Gesellschaftskritik beiläufig erwähnt, wäre gerade auszubauen hin zu einem Begriff der Produktionsmittel als selbst wertförmige und damit in kapitalistischer Form vergesellschaftete.

Vor diesem Hintergrund des gesellschaftlichen Zwangs-Zugriffs auf die Produktionsmittel ist es vergleichsweise unerheblich, wem die Produktionsmittel in letzter Instanz gehören. Eine post-kapitalistische, befreite Gesellschaft muss sich wesentlich auf eine veränderte Beziehung der Menschen untereinander gründen, d.h., dass die Menschen in eine bewusste Beziehung des Dialogs über ihre konkreten Bedürfnisse treten und, damit verbunden, ihre eigenen Produkte nicht als abstrakte Wertgegenstände, sondern als sinnlich-besondere Dinge behandeln und auf konkrete Weise bewerten. Es geht also nicht darum, das Privateigentum durch irgendeine Form von Kollektiveigentum, Staatseigentum usw. zu ersetzen, also das Privateigentum im Namen einer anderen juristischen Eigentumsform zu kritisieren. Die grundsätzliche Entfremdung liegt vielmehr bereits in der metaphysischen Gestalt der Produkte selbst: als vergegenständlichte menschliche Arbeit, deren gesellschaftlicher Wert sich durch ein Abstraktum – die durchschnittliche gesellschaftliche Arbeitszeit – bemisst, sind die Produkte und Produktionsmittel ganz prinzipiell dem menschlichen Zugriff und Dialog über sie entzogen, besitzen eine realmetaphysische Gestalt. Die Rationalität der Wertform, welcher die Produkte und Produktionsmittel derart unterworfen sind, bedeutet, dass die Wertigkeit der Produkte, der Ort und die Reihenfolge ihrer Herstellung sowie ihre Verteilung, quasi automatisch gesetzt sind, da die Produkte als Wertgegenstände verschiedene Quanta menschlicher Arbeitszeit verkörpern sollen und dadurch bereits in einem naturwüchsigen Verhältnis miteinander stehen sollen.

Die juristische Eigentumsform, in der Produkte und Produktionsmittel vorliegen, stellt daher nur den notwendigen Ausdruck dieser formalen Entfremdung dar, in welchem die Dinge ein Eigenleben führen und rechtlichen Schutz genießen. Diese Wertform ist dabei natürlich keine abstrakte Setzung, sondern bedarf selbst des allgemeinen Rahmens von Privateigentum, Konkurrenz, Tausch, aber auch einer identitätslogischen Denkform und, auf einer fundamentaleren Ebene, der geschlechtlichen Abspaltung. [6]

3 Materialismus als ideologische Ausblendung der Warenform

Wird in der „Zeitschrift“ die Form der Produktionsmittel als Kapital und der damit abstrakte gesellschaftliche Zugriff übergangen, so geht damit notwendig die allgemeine Ausblendung der spezifisch kapitalistischen Form des Reichtums, nämlich der Wert- bzw. Warenform, einher. Diese Warenform bedeutet, dass die hergestellten Güter gerade nicht als sinnlich-nützliche Dinge zählen, sondern allein als Werte, als verdinglichte abstrakte Arbeit. Der Reichtum in kapitalistischen Gesellschaften ist ein abstrakter, wie er sich schlussendlich in der Geldform vollendet. Anstatt aber diese spezifische Form des Reichtums zu kritisieren, werden die Produktionsmittel wie die Produkte durch die ganze „Zeitschrift“ hindurch allein ganz unmittelbar, in ihrer sachlichen Form betrachtet: „Die Produzenten eignen sich die von ihnen getrennten Produktionsmittel und damit auch den produzierten Reichtum an“ usw. (18) Völlig unkritisch gegenüber der Warenform wird dem Kapitalismus entsprechend bescheinigt, „immense Reichtümer“ (4) hervorgebracht zu haben.

Dass es sich beim Kapitalismus um eine ungeheure Produktion sachlichen Reichtums handelt, ist unumstritten; allerdings kann auf dieser unmittelbar-sachlichen Ebene das Wesen der kapitalistischen Gesellschaft gerade nicht festgemacht werden, denn die Produktion und Verteilung des sachlichen Reichtums wird nicht im direkten Bezug auf die jeweiligen materiellen Dinge geregelt, sondern Produktion und Verteilung erfolgen im Kapitalismus allein nach der Wertform und ihren Gesetzen. Wird diese abstrakte Form ausgeblendet, so muss ein notwendig verkürztes Bild vom Kapitalismus entstehen; das Faktum der absoluten oder relativen Armut der Menschen kann dann selbst nur abstrakt als ein „gnadenlose[r] Ausschluss der Menschen vom Reichtum“ (4) begriffen werden – was nicht nur unzureichend, sondern schlichtweg falsch ist. Betrachtet man die Arbeiter_innen, so kann nicht gesagt werden, dass diese vom Reichtum ausgeschlossen sind, vielmehr erhalten sie einen Lohn für ihre Arbeit, der dem für ihre persönliche Reproduktion notwendigen sachlichen Reichtum entspricht. Was die Arbeiter_innen tatsächlich nicht erhalten, ist das kapitalistische Mehrprodukt, das aus ihrer Mehrarbeit (Ausbeutung) entspringt. [7]

Doch selbst wenn die „Ausschluss“-Theorie der AG Gesellschaftskrik dieses „vorenthaltene“ Mehrprodukt meinen sollte, bleibt sie verkürzt. Das Spezifische des Kapitalismus besteht nicht in diesem Mehrprodukt; ausnahmslos alle menschlichen Gesellschaften produzierten mehr, als sie zum unmittelbaren Leben benötigten, und in den meisten menschlichen Gesellschaften kam dieses Mehrprodukt leider nicht der Masse der Gesellschaftsmitglieder zugute. Was den Kapitalismus kennzeichnet, ist gerade dass dieses Mehrprodukt in spezifisch kapitalistischer Form, nämlich als Mehrwert, vorliegt. Sachlichen Reichtum, also Gebrauchswerte, über den Bedarf hinaus zu produzieren ist sinnlos; allein weil der Reichtum ein abstrakter Reichtum an toter Arbeit ist, kann der „rastlos-irrational[e] Zwang zur Akkumulation um der Akkumulation willen“ entstehen; es ist egal, was produziert wird, da der Zweck des Produzierens nicht die Bedürfnisbefriedigung, sondern der Tausch der Waren gegen Geld, und die Reinvestition desselben ist.

Um das Verhältnis gerade der sachlichen Armut und des sachlichen Reichtums im Kapitalismus zu erklären, kommt man nicht umhin, sich auf die Form, die dieser Reichtum annimmt, einzulassen, denn die Gesetze der Wertform sind es, die die Produktion des sachlichen Reichtums bestimmen und leiten. Es sind gerade die abstrakten und subjektlosen, automatischen Gesetze der Marktkonkurrenz, des Abschmelzens der Arbeitssubstanz, des tendenziellen Falls der Profitrate usw., die das gegenwärtige materielle Elend erzeugen. Verbleibt man dagegen bei der Behauptung des „Ausschlusses“ vom materiellen Reichtum, so können derartige Gesetze, die den Reichtum nur in seiner immateriellen Wertform betreffen, keine Erklärung sein. Stattdessen bleibt in einer solchen Theorie die ganze Gesellschaft eine platt-materielle Angelegenheit, d.h., es kann schlussendlich nur materielle Gewalt oder eine unerklärbare Dummheit der Menschen sein, die es schafft, diese vom sachlichen Reichtum auszuschließen. Oder eine Mischung aus beiden, aus der Gewalt des Staates, „der den Schutz des Privateigentums und der Ware ins Recht setzt“ (13 Fußnote) und der Dummheit der Proletarier_innen, welche durch allerlei staatliche und halb-staatliche Institutionen induziert wird. Dementsprechend richtet sich die Polemik der AG Gesellschaftskritik vorrangig gegen die „gewerkschaftlichen Klassenkampfeinheger “ (4), die „Kanaillen der Pseudo-Kritik“ (14), die „gewerkschaftsbürokratische[n] Rekuperateure“ (19) usw. Die Schuldigen sind schnell ausgemacht. In der materialistischen Ideologie, die von der Wertform nichts wissen will und somit die Gesellschaft nur als Gewaltverhältnis zu erklären vermag, weiß man schlussendlich außer der Berufung auf die „Kritik der Waffen“ im „Klassenkampf“ wenig zu sagen.

4 Ontologie der wertschaffenden Arbeit

Das Übergehen der kapitalistischen Wertform der Produktion und die Beschränkung der Kritik auf die Eigentums- bzw. Gewaltfrage stellt nicht nur eine Lücke in der Kritik dar, sondern ist Ausfluss der eigenen positiven Verhaftung in den grundlegenden Formen der kapitalistischen Vergesellschaftung. Diese sollen laut der AG Gesellschaftskritik nicht allein für den Kapitalismus Gültigkeit besitzen, sondern die ontologische Grundlage jeder menschlichen Gesellschaft darstellen. Im Zentrum dieser Ontologie steht dabei das Proletariat, welches „als Subjekt der Produktion den sachlichen gesellschaftlichen Reichtum an Gebrauchswerten herstellen soll (14).

Subjekt der kapitalistischen Produktion ist das Proletariat aber gerade nicht insofern, wie seine Arbeit Gebrauchswerte herstellt, sondern insofern sich seine Arbeit im Wert verdinglicht, also einen Reichtum an Waren produziert. Proletarisierte menschliche Arbeit, weit davon entfernt, die „größte Produktivkraft überhaupt“ (14) darzustellen, ist Schöpferin allein des Reichtums in der kapitalistischen Wertform, während der materielle (oder „wirkliche“) Reichtum laut Marx sich gerade im Widerspruch mit seiner kapitalistischen (und in dieser Gesellschaft notwendigen) Darstellung als geronnene Arbeitszeit befindet: „In dem Maße aber, wie die große Industrie sich entwickelt, wird die Schöpfung des wirklichen Reichtums abhängig weniger von der Arbeitszeit und dem Quantum angewendeter Arbeit, als von der Macht der Agenzien, die während der Arbeitszeit in Bewegung gesetzt werden und die selbst wieder – deren mächtige Wirksamkeit – in keinem Verhältnis steht zur unmittelbaren Arbeitszeit, die ihre Produktion kostet, sondern vielmehr abhängt vom allgemeinen Stand der Wissenschaft und dem Fortschritt der Technologie“ (Marx: Grundrisse. Zitiert nach Postone: Zeit, Arbeit und gesellschaftliche Herrschaft, 54f). „Der wirkliche Reichtum“, so Marx weiter, „manifestiert sich vielmehr im ungeheuren Missverhältnis zwischen der angewandten Arbeitszeit und ihrem Produkt wie ebenso im qualitativen Missverhältnis zwischen der auf eine reine Abstraktion reduzierten [!] Arbeit und der Gewalt des Produktionsprozesses, den sie bewacht“ (Marx, ebenda). Statt aber diese „auf eine reine Abstraktion reduziert[e] Arbeit“ und ihre Vergegenständlichung im Wert zu kritisieren, will die AG Gesellschaftskritik die kapitalistische Form des Reichtums, in dem die Arbeit die Substanz des Werts und des Kapitals ist, zum Argument für die proletarische Machtübernahme machen, wenn geschrieben wird, dass „die Produktivkräfte […] nichts als Vergegenständlichungen menschlicher Arbeit sind“ (5), das Proletariat also „der deklassierte kollektive Produzent“ (14) der kapitalistischen Gesellschaft sei. Der Fetischcharakter der sich vergegenständlichenden Arbeit wird damit nicht aufgedeckt, sondern vielmehr ganz in der Tradition der Arbeiterbewegung und ihres „Lobs der Arbeit“ bedient. Die Theorie der AG Gesellschaftskritik verfehlt damit den Sprung von der Kritischen Politischen Ökonomie – als Umverteilung innerhalb der durch die Wertform bestimmten Ökonomie – hin zur Kritik der Politischen Ökonomie – als Kritik von Arbeit, Wert und deren Grundlage in der Abspaltung. Die von der AG Gesellschaftskritik präsentierte Kritik ist nicht die notwendig negative Kritik an diesen Basiskategorien, sondern eine „revolutionär[e] Wissenschaft“ (16), die in der „Aneignung und Aufhebung der bürgerlichen Wissenschaft in der positiv-wissenschaftlichen [!] kommunistischen Kritik des Proletariats“ besteht (16). Schöner hätte es der bornierteste DDR-Sozialist nicht formulieren können.

5 Apologie des kapitalistischen Fortschritts

Ist die „kommunistisch[e] Kritik des Proletariats“ eine positive, die darauf beruht, dass das Proletariat die eigentliche Produzentin des gesellschaftlichen Reichtums sei, so kann der auf dieser positiven Kritik begründete Kommunismus nur in der Aneignung und Fortführung der kapitalistischen Gesellschaftlichkeit bestehen. Das muss dann natürlich umgekehrt auch heißen, dass der bestehende Kapitalismus schon die Grundformen der kommunistischen Gesellschaft vorbereiten soll: „Die Möglichkeiten, die die vorliegende Gesellschaft in ihrer realen Dialektik fortwährend und immer indiskreter zu ihrer eigenen Negation arrangiert [!], dehnen sich aus“ (14). Was sich inhaltlich als Fortführung der kapitalistischen Arbeit und der Wertform darstellte, wird als allgemeines Verhältnis der kommunistischen zur kapitalistischen Gesellschaft offen ausgesprochen, dass es nämlich um die positive Aufhebung der bürgerlichen Gesellschaft, somit aber gerade nicht um deren kategoriale, theoretische wie praktische Kritik geht: „Als Kohärenz in Theorie und Praxis wird es […] die immanent-wissenschaftliche [!] kommunistische Kritik auf Höhe der Zeit sein, die an den bestehenden Widersprüchen des bürgerlichen Gemeinwesens die objektiven Möglichkeiten seiner Aufhebung nachweist“ (17).

Wenn die kommunistische Gesellschaft die Erbin des Kapitalismus sein soll, so muss der Durchgang der Menschheit durch den Kapitalismus als menschheitsgeschichtlich notwendig behauptet werden, denn es ist ja erst die entwickelte kapitalistische Gesellschaft, in der „die Produktivkräfte die Lohnarbeit als letzte Form der Zwangsarbeit historisch obsolet gemacht haben“ (5), so dass erst hier ein „objektive[r] Widerspruch von Herrschaft in der Epoche ihrer historischen Überflüssigkeit“ (5) auftritt. Waren also vier Jahrhunderte (oder gar: zehn Jahrtausende?) von kapitalistischer (bzw. aller möglichen anderen) „Zwangsarbeit“ notwendig, bevor sich für die Menschheit die Möglichkeit auftun konnte, aus diesem Verhältnis herauszutreten? So notwendig wie die kapitalistische Entfaltung der Produktivkräfte waren für die AG Gesellschaftskritik demnach auch die letzten vierhundert Jahre kapitalistischer Barbarei, angefangen mit den Greueltaten der ursprünglichen Akkumulation, dem Kolonialismus, der Frauenunterdrückung und der Fabrikdisziplin; gesteigert letztendlich zu zwei Weltkriegen, und heute weltweitem Hunger und einer katastrophalen Verwüstung des Planeten. Wenn die AG Gesellschaftskritik dann anlässlich einer deutschen Studierendenbewegung des Jahres 2010 darüber sinniert, ob diese „[d]ie Produktivkraft Wissen aus ihrem bornierten Sein innerhalb ausgewählter Klassenstrukturen […] befreien“ wollte, und somit „die letzte Stufe der Entwicklung der Produktivkräfte“ verwirklichen würde, „auf der sie [die Produktivkräfte] an die Grenzen der Produktionsverhältnisse stoßen“ (9), dann ist man offenbar mit einer erschreckenden Leichtigkeit bereit, sämtliche bisherigen Versuche, den Kapitalismus abzuschaffen, als unberechtigt abzuqualifizieren, eben wie die Lohnarbeit erst zu dem Zeitpunkt überflüssig wurde, an dem zufällig auch die Dresdner AG Gesellschaftskritik die weltgeschichtliche Bühne betrat. [8]

Indem der Kapitalismus lediglich eine „Verkehrung der menschlichen Gattungskräfte“ 18 darstellen soll, worin die „Gattungskräfte“ bloß „angeeignet“ werden müssten, bleibt man blind gegenüber der notwendigen Bewusstlosigkeit, die dem kapitalistischen Fortschritt selbst anhaftet. Die kommunistische Gesellschaft stellt sich somit für die AG Gesellschaftskritik als eine schale Verlängerung des kapitalistischen Zwangs, menschliche Arbeitskraft überflüssig zu machen, dar: „In einer Welt, in der die Linie 1 und 14 der Pariser Metro bereits vollautomatisiert ihre Bahnen durchziehen, ist die Kluft zwischen Traum und rationaler Wirklichkeit [!] längst hinfällig geworden“ (15 Fußnote). Hinfällig wird hier die Differenz zwischen der eigenen Emanzipationsvorstellung und der „rationalen Wirklichkeit“ des Kapitalismus. Ob die Pariser U-Bahnen vollautomatisch fahren oder nicht ist der kommunistischen Gesellschaft wohl herzlich egal, da es um die Überwindung des kapitalistischen Produktionsprozesses selbst ginge, in dem der gesellschaftliche „Wert“ einer Sache durch die in ihr steckende menschliche Arbeit bestimmt wird, so dass – unabhängig von jeder Veränderung der Qualität der Produkte oder der fortschreitenden Knechung der im Produktionsprozess Gefangenen – der kapitalistische Fortschritt allein in der Reduktion der zu ihrer Herstellung benötigten menschlichen Arbeitszeit besteht; immer verbunden mit den damit einhergehenden destruktiven Beziehungen der Menschen untereinander.

6 Androzentrische Ausblendung der geschlechtlichen Abspaltung

Mit der Beschränkung der Kritik auf die Ebene des Privateigentums und mit der materialistischen Ausblendung der Wertform der Produkte verknüpft sich, wie gezeigt wurde, eine Theorie, die die menschliche Arbeit aus ihrer Bedeutung innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft zu einer überhistorischen Seinsbestimmung der Menschheit machen will. Damit untrennbar verbunden ist die komplette Ausblendung der modernen Grundtatsache, dass Arbeit und Wert nur einen Teil der gesellschaftlichen Reproduktion im Kapitalismus darstellen, und selbst eines Anderen bedürfen. Abgespalten von der wertschaffenden Arbeit sind im Kapitalismus all diejenigen Momente gesellschaftlicher Reproduktion, die sich nicht als Verausgabung abstrakter menschlicher Arbeitszeit darstellen lassen. Dieser Bereich umfasst die verschiedenen Aspekte der Produktion und Reproduktion der Arbeitskraft als solcher, d.h., die Erziehung, Ernährung, Versorgung und Pflege von Menschen. Insofern sich die hier versammelten Tätigkeiten nicht oder nur unter großen Verlusten in eine „Zeitsparlogik“ pressen lassen, also nicht als wertschaffende abstrakte Arbeit darstellbar sind, sind sie kein Inhalt der in der Wertform sich vollziehenden Ökonomie, sondern finden im Privaten statt, wo sie historisch an Frauen delegiert wurden und werden. Der Begriff vom Kapitalismus als Wertvergesellschaftung ist also selbst noch verkürzt und zu erweitern um dieses immanente Andere, welches sich nicht im Wert ausdrücken kann, ohne welches aber die Gesellschaft sich nicht erhalten kann; auszugehen ist somit vom Kapitalismus als Wert-Abspaltungs-Gesellschaft. Eben wie im Kapitalismus Frauen für diesen minderbewerteten abgespaltenen Bereich zuständig gemacht werden, ist der Kapitalismus eine patriarchale Gesellschaftsform.

Wenn die AG Gesellschaftskritik die „gesellschaftlich[e] Praxis, in der gesellschaftlicher Kontakt nur vermittels des Tausches von Waren, also als sachlich vermittelt stattfindet“ (5) kritisiert, so stellt sich dieser Begriff als die Sicht des männlichen Fabrikarbeiters dar; eine solche Theorie ist selbst androzentrisch, d.h., sie blendet gerade die in der Moderne bestehende „weiblich“ besetzte Lebenswelt und die Erfahrungen von Frauen, sowie die Konflikte, denen sie ausgesetzt sind, aus. Damit aber wird nur die schon bestehende gesellschaftliche Abwertung der „weiblichen“ Reproduktionstätigkeiten in der Theorie noch einmal wiederholt, indem die Theorie sich dem Schein hingibt, dass die Gesellschaft diese (in Wahrheit unerlässlichen) Reproduktionstätigkeiten gar nicht bräuchte, oder dass es sie gar nicht gäbe.

Dabei zeigt gerade die geschlechtliche Abspaltung, dass Arbeit und Wert historisch begrenzte Kategorien darstellen und keineswegs jede menschliche Tätigkeit Wert schafft. Ohne Blick auf diese Abspaltung bleibt eine gesellschaftliche Umwälzung, wie die von der AG Gesellschaftskritik propagierte, notwendig auf eine immanente Veränderung innerhalb der männlich besetzten Kategorienwelt des Kapitalismus beschränkt. Dementsprechend ist es auf dialektische Weise nur folgerichtig, dass es die androzentrisch bleibende Kritik noch nicht einmal bis zur tatsächlichen Kritik von abstrakter Arbeit und Wertform schafft, denn diese stellen den Inhalt dar, der die eigene Perspektive erst konstituiert; sie sind gewissermaßen die Brille, mit der man auf die Gesellschaft schaut und die es erst ermöglicht, den abgespaltenen Zusammenhang auszublenden. Die Kritik kann sich also gar nicht zur notwendig kategorialen Kritik der modernen, kapitalistischen Gesellschaft aufschwingen, sondern bleibt innerhalb derselben stecken – in diesem Fall: eine Kritik des Privateigentums im Namen der positiv gesetzten proletarischen Arbeit. Innerhalb der bereits auf die Wertform beschränkten Perspektive wird nochmals eine beschränkte Erscheinung, das Privateigentum oder der „vorenthaltene Mehrwert“, herausgegriffen und an die Stelle des Ganzen gesetzt. Ohne einen Begriff und eine Kritik der Abspaltung lässt sich keine tatsächliche Kritik des Werts gewinnen, es bleibt bei einer bloßen Umgestaltung des patriarchalen Zwangsgehäuses. [9]

7 Verdinglichung der gesellschaftlichen Form zur „sachlichen Macht“

Hat sich der seitens der AG Gesellschaftskritik betriebene Materialismus, der überhaupt keine gesellschaftlichen Formen, sondern nur handfeste Dinge kennen will, schlussendlich als Apologie gerade der gesellschaftlichen Formen von Wert und Abspaltung herausgestellt, so bleibt diesem Materialismus ein grundlegendes Problem. Wenn die Gesellschaftlichkeit tatsächlich nur um die Herstellung und die Enteignung der materiellen Dinge herum organisiert wäre, ist der durch die Konkurrenz gesetzte gesellschaftliche Zwang zu Mehrarbeit, Wertverwertung und Kapitalakkumulation nicht erklärbar. Die „materialistische“ Erklärung dieser Phänomene müsste sich selbst auf dem Boden der unmittelbaren Sachen bewegen. Anders ausgedrückt: Da die Proletarier_innen nicht für sich produzieren – was passiert dann mit dem Mehrprodukt? Wenn sie „immense Reichtümer“ herstellen – wo sind diese aufgetürmt? Denn auch wenn die grundlegende Form sozialer Auseinandersetzung für die AG Gesellschaftskritik der Klassenkampf bleibt, so lässt sich doch nicht behaupten, dass dieses immense Mehrprodukt allein von der Bourgeoisie aufgefressen und verprasst werden könnte.

Es sind laut der AG Gesellschaftskritik die Produkte selbst, die zu einer gesellschaftlichen Potenz werden und eine „Herrschaft der Dinge“ (14) ausbilden; und zwar nicht insofern, wie sie Wertgegenstände sind, sondern gerade insofern sie nichts als materielle Dinge sein sollen: „Die unter die Daseinsform der Lohnarbeit subsumierten Menschen […] werden gleichfalls von der von ihnen selbst produzierten sachlichen Macht beherrscht. Diese sachliche Macht, die über die gesellschaftlichen Verhältnisse der Menschen übergreift und diese nach ihren Maßgaben modelliert [!], erscheint [!] verkehrt und fetischisiert als eine außer den Menschen stehende Gewalt und wird zu einer aus sich selbst heraus gesellschaftlich wirkmächtigen Potenz subjektiviert, welche die Aneignung von Mehrwert zum Zwecke ihrer [seiner?] Reinvestition in den rastlos-irrationalen Zwang zur Akkumulation um der Akkumulation willen verdeckt und damit ratifiziert.“ (5) Anstatt die Vermittlung über die „gesellschaftlichen Naturgesetze“ der Wertform aufzuzeigen, wird hier die Triebfeder der bewusstlosen gesellschaftlichen Bewegung unmittelbar vergegenständlicht zu einer „Macht, die […] die gesellschaftlichen Verhältnisse der Menschen […] nach ihren eigenen Maßgaben modelliert“. Was man damit aber den Menschen als ideologischen Denkfehler vorwirft – dass diese die „sachliche Macht“ „zu einer aus sich selbst heraus gesellschaftlich wirkmächtigen Potenz subjektivier[en]“ würden – hat man damit selbst bereits getan. [11]

Besitzt die Rede von der „sachlichen Macht“ allerdings noch einen gewissen Rest an Wissen darüber, dass hinter der „Herrschaft der Dinge“ das Verhältnis der Menschen selbst steckt, welches sich ihnen gegenüber verselbständigt, so lässt die AG Gesellschaftskritik schlussendlich auch diese Einsicht davonschwimmen. Wenn den Jugendlichen in Lyon der ernste Vorwurf gemacht wird, dass sie die von ihnen im Herbst 2010 geplünderten Waren nicht zerstört hätten, dann wird die „sachliche Macht“ genau auf die Weise naturalisiert, die man als angebliche Ideologie durchschaut zu haben meinte: „Die ausbleibende Zerstörung der geplünderten Waren deutete dagegen an, dass der Respekt der metaphysischen Macht dieses pseudo-heiligen Dinges [d.h., der Ware] noch ungebrochen war“ (13 Fußnote). Der aus der gesellschaftlichen Wertform entspringende sinnlich-übersinnliche Charakter der Produkte, aus dem heraus sie ein Eigenleben erhalten, wird als „sachliche Macht“ mit der unmittelbar sinnlichen Existenz derselben verschmolzen; der Fetisch wird nicht durchschaut, sondern die Fetischdinge sollen ins Meer geworfen werden.

8 Vermittlungslosigkeit und das Warten auf die proletarische Revolution

Es wurde eingangs erwähnt, dass die Theorie vom Kapitalismus seitens der AG Gesellschaftskritik, wie sie bis hierher mit Mühe versucht wurde, zu rekonstruieren, weder quantitativ noch als Schwerpunkt den Kern der „Zeitschrift“ darstellt, welcher vielmehr in der Theorie vom revolutionären Proletariat liegt. Diese Verkehrung ist dabei selbst in der spezifischen Theorie der AG Gesellschaftskritik begründet, nach der – wie dargestellt – der Kapitalismus durch bloße theoretische und praktische Aneignung zu überwinden wäre, wodurch das Proletariat, welches bereits im Kapitalismus das wirkliche „Subjekt der Produktion“ (14) sei, von seinen Fesseln befreit werden würde. Indem es keine negative Kritik und keine praktische Überwindung und Zerstörung der kapitalistischen Gesellschaftsform braucht, braucht es tatsächlich auch keine Theorie derselben. [12]

Stattdessen besteht das Ziel und die Rechtfertigung der eigenen Textproduktion für die AG Gesellschaftskritik darin, „das Unbewusste wieder bewusst zu machen (15), also den Proletarier_innen, welche „ihre Begierden nach Abschaffung des Zwangs“ verdrängen würden (18), beim Begriff dessen, was sie selbst bereits seien, zu assistieren: „Es ist die die gesamte Welt mehr und mehr umspannende Unmenge der Arbeiter, die […] sich selbst als destruktive Partei des Proletariats verstehen, sobald sie anfangen, dies zu wissen“ (14). Durch eine Theorie-Dienstleistung soll dieser Prozess des Zusichkommens beschleunigt werden: „Eine Kritik der Proletarität und deren begriffliche Werkzeuge sind den proletarischen Klassenkämpfen zur Beförderung theoretischer Praxis, d.h. als Selbstverständigung über die je eigenen Lebensverhältnisse zur Verfügung zu stellen“ (19). Damit ist die Theorie nicht Ausgangspunkt der Kritik, bestimmt nicht Ziele und Wege, sondern ist bloßes „Werkzeug“ innerhalb einer angeblich existierenden Praxis, gegenüber der sich Reflexion und Kritik bitteschön zurückhalten sollen: „Es ist also […] einer bornierten theoretischen Haltung zu widersprechen, die jede Praxis ihrer Verstricktheit im Bestehenden bezichtigt (die zunächst immer unausweichlich ist [!], was wiederum den experimentellen Charakter [!] von Praxis, aber mithin auch von Theorieansätzen [!] ausmacht) und in einem infiniten Regress endet [?]“ 17. Die „Verstricktheit im Bestehenden“ soll „unausweichlich“ sein, aber sie soll nicht thematisiert werden dürfen? Dagegen setzt die AG Gesellschaftskritik auf die „experimentelle Praxis“ (Augen zu und durch?) und auf (postmodern-beliebige) experimentelle Theorieansätze. Wenn die AG Gesellschaftskritik diese Apologetik mit dem lahmen Kalauer der „dialektische[n] Vermitteltheit“ von „Theorie und Praxis“ (17) begründen will, so gibt man nur die eigene Wahrheit preis: dass nämlich eine nicht-revolutionäre, unkritische Praxis mit einer ebenso immanent bleibenden, in den modernen Fetischformen befangenen Theorie tatsächlich „dialektisch vermittelt“ ist.

Zwar wird scheinbar zugegeben, dass das „revolutionär[e] Proletariat“ (5) sich erst konstituieren müsse: „Das Proletariat ist keine bereits existierende revolutionäre Entität, die als Träger kommunistischer Emanzipation nur noch zu sich selbst kommen müsste“ (14). Aber bei genauerem Hinsehen arbeitet man sich auch in derartigen scheinbaren Kurskorrekturen an einem Pappkameraden ab; denn wäre das Proletariat eine „bereits existierende revolutionäre Entität“, so müsste es auch nicht mehr „zu sich selbst kommen“. Darüber hinaus bleiben solche Sätze sowieso ganz abstrakt, so dass es gleich darauf heißen kann: „Es [das Proletariat] ist das in diesem Gemeinwesen wirkende Negative, weil es das Produkt der Negation seiner Begierden […] ist“ (14). Krampfhaft wird versucht, die den Menschen zugewiesene und rein negative Rolle als Proletarier_innen im Reproduktionsprozess des Kapitals irgendwie positiv aufzuladen und zu begründen, wie der Kapitalismus seine eigene Negation automatisch hervorbringt; während in Wahrheit daraus, dass die Menschen unter das Kapital subsumiert sind, gar nichts folgt außer ihrer ungeheuren körperlichen und geistigen Deprivation.

Die Suche der AG Gesellschaftskritik nach dem „in diesem Gemeinwesen wirkende[n] Negative[n]“ findet ihren Ausdruck in der Darstellung der französischen Streiks und Sozialproteste im Herbst 2010. Diese Bewegungen werden als ein Erwachen des Proletariats gelesen, wie es in der Theorie der AG Gesellschaftskritik auftritt: Angetrieben von seinen „sich in den Protesten äußernden radikalen Bedürfnisse[n]“ (12) und in dem „Wissen darum, dass man es um den von ihm geschaffenen Reichtum und die bewusste Gestaltung seines Lebens betrogen hat“ (12), hätte das französische Proletariat danach gestrebt, die durch die Produktivkräfte gegebenen „objektiven Möglichkeiten des materiellen und kulturellen Lebensprozesses“ (15) zu verwirklichen. Dabei wird den streikenden französischen Arbeiter_innen und Schüler_innen im Herbst 2010 eine grundsätzliche Ablehnung der „alte[n] Welt“ unterstellt, welche von ihnen „nicht mehr der Schonung wert“ gehalten worden wäre (12); sie hätten „ihre nationale Ökonomie mit allen einkalkulierten Schäden blockier[t], um sich nicht noch unerträgliche weitere Jahre zu Grunde schuften zu müssen“ (4), eben wie sie „ihre Trennung von der Gesamtheit des gesellschaftlichen Reichtums generell in Frage zu stellen begannen“ (11) usw. Recht durchschaubar ist es ihre eigene, sehr legitime, Haltung zum kapitalistischen Produktionsprozess, welche die Autoren der „Zeitschrift“ hier den französischen Arbeiter_innen unterschieben wollen. Wer ohne Regung 40 Jahre Lohnarbeit hinter sich gebracht hat, dürfte kaum eine grundsätzliche Kritik daran besitzen, „sich zum proletarisierten Arbeitskraftbehälter zuzurichten“ (5). Die projektive Zuschreibung eines revolutionären Bewusstseins nimmt jedoch bald Züge einer messianischen Erwartung an, wenn es von den „proletarisierten Menschen“ heißt: „Nie konnte man in den letzten Dekaden klarer erblicken, dass sie ihre Gegenüberstellung und Selbstständigkeit im Angesicht des sich ihnen gegenüberstellenden und verselbständigtenden toten Überflusses der abstrakten Konformität von Waren, d.i. von Werten, einleiten. Der lohnversklavten Menschheit beginnt zu dämmern, dass ihre existenzielle Wirklichkeit eines bloßen Überlebens im Lohnwesen hinsichtlich der sich ständig ausweitenden objektiven Möglichkeiten des materiellen und kulturellen Lebensprozesses ein im Elend gefristetes Dasein ist“ (15).

Tatsächlich gibt es für diese (doch etwas stutzig machende?) behauptete Übereinstimmung des Bewusstseins des französischen Proletariats mit der Theorie der AG Gesellschaftskritik keinen Beleg in der „Zeitschrift“, was man offensichtlich auch selbst weiß. Die Lösung? Die Auseinandersetzung des Proletariats mit der Gesellschaft soll ein „unterirdische[r] Bürgerkrieg“ sein: „Der bisweilen mehr oder minder geführte unterirdische Bürgerkrieg [!] treibt an die gesellschaftliche Oberfläche und wird mit zunehmend unbeirrterer Ausdauer und erbitterteren Mitteln geführt“ (14). Ein „Widerstand gegen die Entfremdung“, der „beständig […] quasi „unterirdisch““ vor sich gehen soll (17 Fußnote), und ein Krieg, den man nicht sieht, der ja auch nur „bisweilen“ und „mehr oder minder geführ[t]“ wird: lohnt es sich eigentlich noch, das zu kritisieren? Wollte man sich ein wirkliches Bild der französischen und griechischen sozialen Bewegungen machen, wäre es zuallererst notwendig, diese als seiende wahrzunehmen, d.h., sie an ihren eigenen mündlichen und schriftlichen Äußerungen – denen der Streikenden usw. – zu bewerten; was übrigens auch erst die Möglichkeit für einen Dialog eröffnen würde. Schlussendlich will man sich zur Untermauerung der eigenen Projektionen dann überhaupt nicht mehr auf die Äußerungen der Streikenden stützen, sondern auf die der Regierenden, die den gesellschaftlichen Protest doch nur als grundsätzlichen Widerstand gegen die Gesellschaft (welcher er nicht war) zu denunzieren versuchten. Diese Verwechslung gipfelt dann in der ekelhaften Aussage, die von der französischen Polizei brutal zusammengeschlagenen Schüler_innen könnten doch „nur zufrieden darüber sein, dass die Polizei […] so hart wie möglich gegen sie vorgegangen ist“ (11), denn dadurch wäre die Konfliktlinie klar zutage getreten. Offensichtlich sind es hier die Autoren selbst, die „zufrieden“ damit sind, dass ihre Thesen, wenn nicht durch das Proletariat, so doch zumindest durch den kapitalistischen Repressionsapparat scheinbare Bestätigung erfahren.

Die eigene Theorie, die es eigentlich gar nicht mehr braucht für das naturwüchsige Zusichkommen des revolutionären Proletariats, ist an dieser Stelle nicht mehr als ein Buchhaltertum. Die Intellektuellen schreiben ihre Theorien und Prophezeiungen über’s Proletariat und wie es seine „Selbstständigkeit […] einleiten“ wird, und warten darauf, dass ihre Thesen vom selben Proletariat bestätigt oder widerlegt werden. Kritische Theorie ist damit keine Waffe mehr, auch kein Mittel, sich mit anderen Menschen zu vernetzen und damit theoretisch wie praktisch am Umsturz der Verhältnisse mitzuarbeiten, sondern eher eine Art Wettervorhersage, die „die Welt nur anders interpretiert“. In dem Maße, wie die „proletarisierten Menschen“ die eigenen Thesen dann natürlich nicht erfüllen können, muss eine solche Theoriebildung notwendig in sich zusammenbrechen; bestenfalls lässt sich dann durch polemische Auseinandersetzungen mit anderen Linken noch eine gewisse persönliche Distinktion erzielen, bevor man leise das Licht ausmacht und sich anderen Dingen zuwendet.

9 Subsumption des NS unter die Geschichte der Klassenkämpfe

Es ist prinzipiell positiv hervorzuheben, dass sich die AG Gesellschaftskritik der Problematik der deutschen Judenvernichtung und der Möglichkeiten zur antisemitisch-regressiven Verarbeitung des Kapitalismus in den aktuellen sozialen Bewegungen explizit annimmt; und zwar gerade wie sich dies innerhalb ihrer sonstigen, positiven Erzählung vom revolutionären Proletariat keineswegs aufdrängt. Nichtsdestotrotz bleibt die Behandlung des NS beschränkt, insofern die Judenvernichtung hier nur theoretischen Rang erhalten kann, indem sie sich als besonderer Ausdruck der Auseinandersetzung des Proletariats mit der „Konterrevolution“ interpretieren lässt: „In der phantasmagorischen Projektion verselbständigter gesellschaftlicher Mächte auf das Ersatzobjekt der Juden verschob sich nicht allein die Konterrevolution gegen das revolutionäre Proletariat und dessen universelle Subversion [!]. […] Die Abspaltung der in der Volksgemeinschaft aufgehenden Prolet-Arier vom globalen Proletariat und die Verkehrung des kapitalistischen Zwangs zur proletarischen Arbeit als verzerrtes bürgerliches Glücksversprechen markiert den Umschlag der auf dem Terrain der bürgerlichen Gesellschaft stattfindenden Deklassierung des Proletariats zu der sich von diesem Terrain absetzenden physischen Vernichtung der Juden“ (15). Bei all dem fragwürdigen und oberflächlichen Herumräsonnieren geht es gerade um eine Sache nicht: um die Vernichtung der Juden, welche nur geschichtsphilosophisch eingeordnet wird in die Kleine Geschichte der proletarischen Weltrevolution. Vollkommen absurd wird eine solche Abhandlung der Judenvernichtung, wenn ausgerechnet aus ihr die Berechtigung gezogen wird, „Marxisten und Linken jeder couleur“ undifferenziert vorzuwerfen, dass in ihrem Denken die Shoah „ständig tabuisiert und verschwiegen, verdrängt, geleugnet oder gar relativiert werden [muss], damit mit einer kritischen Theorie der Gesellschaft nach Auschwitz einfach weitergemacht werden kann wie zuvor“ (15). Hier wäre der AG Gesellschaftskritik dringend zu empfehlen, zuallererst den Status, welcher der Judenvernichtung im eigenen Theoriegebäude gegeben wird, kritisch zu überprüfen.

Wenn die AG Gesellschaftskritik behauptet, dass Auschwitz „nicht auf den Begriff gebracht […] werden kann“ (15), so ist dies wahr nur in Bezug auf die eigene Theorie. Denn zum einen ist es die eigene Theorie, in der die Menschen gegenüber der Gesellschaftlichkeit als äußerlich vorgestellt werden; zum anderen haben in dieser Theorie tatsächlich geschichtliche Konstellationen und Ereignisse überhaupt keinen Platz, insofern das ganze Begriffsgerüst von „Entfremdung“, „Gattungskräften“ usw. die notwendige historische Bestimmung des NS, und damit der Voraussetzung für die Judenvernichtung, gar nicht zulässt. Wie somit das, „[w]as als fabrikatorische Vernichtungsindustrie am europäischen Judentum praktiziert wurde“ sich „irreversibel in den Begriff der Klasse eingeschrieben“ haben soll (15), bleibt rätselhaft, wo doch der traditionsmarxistische Klassenbegriff, wie ihn auch die AG Gesellschaftskritik besitzt, ganz ahistorisch verbleibt, derselbe von 1848, 1933 oder 2011 ist.

Innerhalb dieses ahistorischen Begriffsgerüsts, in welchem die Äußerungen der realen Menschen nicht ernst genommen, sondern nur durch Zuschreibung und Interpretation ihrer Handlungen erfasst werden, kann eine realistische Einschätzung, ob die aktuellen sozialen Auseinandersetzungen, z.B. in Griechenland, in eine mörderische Ideologie und Praxis umkippen, überhaupt nicht vorgenommen werden. Es bleibt für die AG Gesellschaftskritik reine Spekulation, „[o]b die globale Krisenentwicklung einen neuen regressiven Umschwung zeitigt“ (10) oder nicht, dies müsse „sich erst noch in der Austragung der Kämpfe erweisen“ (10), wodurch die hierin liegende Aufgabe kritischer Theorie, nämlich zur unnachgiebigen Kritik des in diesen Bewegungen tatsächlich vorhandenen strukturellen wie offenen Antisemitismus, verfehlt wird. Schlussendlich bleibt nichts übrig, als „in der Kritik der objektiven Möglichkeiten und des Elends der kapitalistischen Ökonomie […] zugleich die permanente [!] Möglichkeit des Umschlags in die entfesselte Katastrophe als Korrektiv bis in ihre innersten Kategorien zu reflektieren“ (15). Gerade wie die Bezugspunkte der eigenen Realitätsbewertung „unterirdisch“, „verdrängt“ und „unsichtbar“ sind, passieren Revolution oder Konterrevolution, also Befreiung oder Völkermord, unvorhersehbar und plötzlich. Die geschichtslos-permanente „Möglichkeit des Umschlags“ soll in die ebenso geschichtslosen eigenen „innersten Kategorien“ eingebaut werden – was natürlich scheitert. Was dabei herauskommt, ist, dass jedem Artikel, passend oder nicht, auf geradezu abergläubische Weise ein Absatz oder eine Fußnote Warnung geschenkt wird, etwa dass die „radikalen Begierden“ „als vorbewusste […] impulsiv-gewalttätig an die gesellschaftliche Oberfläche drängen“ könnten, so dass auf „auf deren Ambivalenz mit Möglichkeit auf Regression und Barbarisierung hinzuweisen“ wäre (5f). [13] Die abstrakte Selbstvergewisserung der „Ambivalenz“ verfehlt den eigenen kritischen Anspruch – insbesondere wenn auf der anderen Seite die „Klassenkämpfe vor allem in Frankreich oder Griechenland“ 6 zur Projektionsfläche für die eigenen Thesen über das Proletariat als „das in diesem Gemeinwesen wirkende Negative“ herhalten müssen.

10 Fazit: Falsche Unmittelbarkeit als Verunmöglichung von kritischer Theorie und kritischer Praxis

Ein kritischer Punkt soll abschließend hervorgehoben werden. Was an den Artikeln der „Zeitschrift“ besonders dringend zu kritisieren ist, und was seine durchschlagende destruktive Wirkung auf alle behandelten Zusammenhänge zeigt, ist die falsche Suche nach Unmittelbarkeit. Der Kapitalismus soll zu einer Angelegenheit werden, die sich durch einen Ruck, durch flotte Aneignung oder die Umkehrung irgendwelcher bereits bestehender Gattungskräfte loswerden ließe. Die tatsächlichen Anforderungen einer theoretischen und praktischen Kritik dieser weltumspannenden Gesellschaftsform, auf deren eigenen Boden die Menschheit seit dreihundert Jahren sich fortentwickelt und welche die Individuen bis in die Psyche hinein konstituiert, werden damit vollständig verfehlt. Die Hau-Ruck-Abschaffung des Kapitalismus ist entweder eine unmögliche – denn sie bedarf eines enormen Bewusstseins, welches „unterirdisch“ und unsichtbar gar nicht aus dem Boden springen kann – oder aber sie bleibt eine immanent beschränkte und widersprüchliche Umgestaltung der kapitalistischen Verhältnisse auf revolutionärem Wege, vertrauend auf ein immanent sich herausbildendes Subjekt dieser Revolution.

Dagegen können die Anforderungen und der Umfang der Abschaffung der kapitalistischen Gesellschaft erst durch den Begriff der tatsächlichen Form der modernen Gesellschaft, im Sinne einer Theorie der Wertabspaltung, und durch seine Entfaltung überhaupt näher bestimmt werden. Vor diesem Hintergrund ist die Basis, von der aus der Kapitalismus als äußere Hülle bloß unmittelbar abgestreift werden sollte – nämlich durch Vertrauen auf die Realkategorien von Arbeit, Wert, aber auch Subjekt und moderne Vernunft – nicht nur als die moderne, sondern als die bestehende androzentrische und patriarchale Realität zu dechiffrieren. Die Lektüre der „Zeitschrift“, zeigt damit einmal mehr, dass die Auseinandersetzung um die grundlegenden Marx’schen Kategorien zum einen unbedingt intensiviert werden muss, zum anderen über ihre androzentrische Beschränktheit hinauswachsen muss. Dieser mühsame Vermittlungsprozess, in dem man die kritische Theorie vorantreibt bzw. sich aneignet und darüber austauscht, ist nicht abkürzbar; schon gar nicht durch den projektiven Kurzschluss des eigenen Denkens mit aktuellen sozialen Auseinandersetzungen.

An mehreren Stellen der „Zeitschrift“ hat die AG Gesellschaftskritik die richtigen Ansprüche schön formuliert. Schon die Herausgabe einer „Zeitschrift“ zeugt vom Wissen um die Notwendigkeit der theoretischen Vermittlung; die kritische Theorie wurde als roter Faden der kommunistischen Organisation ausgesprochen; die Kritik der Produktionsverhältnisse sollte mit einer Kritik des Alltagslebens einhergehen; bisweilen wurde versucht, eine Kritik an der gesellschaftlichen Form der Ware zu leisten; und schließlich wurde die Marxsche Fetischkritik als entscheidend für die Überwindung des Kapitalismus erkannt. Das alles ist eingebettet in eine durchaus sympathische Bereitschaft zu steilen Thesen und zu einer theoretisch zu leistenden Inbezugsetzung von Allgemeinem und Besonderem. Es bleibt zu wünschen, dass diese Ansprüche, über ihre unbefriedigende Verwirklichung im Rahmen der „Zeitschrift“ hinaus, durchgehalten und erweitert werden.


Literatur

AG Gesellschaftskritik: „zeitschrift. herausgegeben von der AG Gesellschaftskritik“. Dresden 2011

Kurz, Robert: Schwarzbuch Kapitalismus. Frankfurt/Main 1999.

Marx, Karl: Das Kapital. Band. 1. In: Marx Engels Werke 23. Berlin 1973

Postone, Moishe: Zeit, Arbeit und gesellschaftliche Herrschaft. Freiburg 2003.

Scholz, Roswitha: Das Geschlecht des Kapitalismus. Bad Honnef 2000.


[1] Tatsächlich steht auf der ansonsten weißen Titelseite „zeitschrift. herausgegeben von der ag gesellschaftskritik“. Online ist sie zu finden unter: http://www.archive.org/details/Zeitschrift-HerausgegebenVonDerAgGesellschaftskritik_963.

[2] Da die Beiträge der „Zeitschrift“ nicht namentlich gekennzeichnet sind und sich in Sprache und Inhalt sehr ähneln, wird die „Zeitschrift“ im Folgenden als Ganzes behandelt.

[3] Vgl. dazu auch den Abschnitt Ontologie der wertschaffenden Arbeit“ weiter unten.

[4] Nicht umsonst bezeichnet Marx die Epoche der durch Terror und materielle Gewalt gekennzeichneten sachlichen Durchsetzung des Privateigentums als „ursprüngliche Akkumulation“. Die juristische Eigentumsform ist von der gesellschaftlichen Wertform, als akkumuliertes Kapital, nicht trennbar.

[5] Vgl. dazu den Abschnitt „Androzentrische Ausblendung der geschlechtlichen Abspaltung“ weiter unten.

[6] Historisch war die „Eigentumsfrage“ auch genau die von der Arbeiterbewegung anvisierte kollektive (staatliche) Inbesitznahme der weiterhin wertförmig vergesellschafteten Produktionsmittel. Die „realsozialistische“ Planung der gesellschaftlichen Wertproduktion drückte sich notwendig in einem staatlichen Zentralismus aus, welcher die wertförmige Produktion als Ganzes ordnen und verwalten sollte (gewissermaßen als allumfassender kapitalistischer Universal-Betrieb). Sofern die Menschen und Institutionen sich dagegen auf Augenhöhe als Produzenten verschiedener Produkte gegenübertraten, nahm ihre Beziehung (z.B. zwischen den sozialistischen Staaten) die ganz banale Form eines Tauschverhältnisses von Werten an.

[7] Um die Arbeiter_innen allein geht es in der „Zeitschrift“; die Problematik der tatsächlich aus dem Arbeits- und Verwertungsprozess Herausgefallenen, welchen damit der Zugriff auf den gesellschaftlichen Reichtum verwehrt ist, kommt gar nicht vor.

[8] Auf die Haltlosigkeit dieser Idee, dass die „Produktivkraft Wissen“ „innerhalb ausgewählter Klassenstrukturen“ vorliegen würde, soll hier nicht eingegangen werden.

[9] Die konsequente Ausblendung der Abspaltung ist auch Voraussetzung für die theoretische Konstruktion eines „Alltagslebens als einer kolonisierten Sphäre“ (17), dessen „kontemplative[r] Charakter“ folgen soll „aus der Kontemplation, in der sich die Proletarisierten als „Anhängsel der Maschinerie“ in ihren Produktionsverhältnissen befinden“ (17 Fußnote). Dies ist erneut die androzentrische Sicht: kritisiert wird hier die Auswirkung der männlichen Subsumption unter die Lohnarbeit auf das „Alltagsleben“, d.h. die Freizeit, der Männer. Das zusichkommende Proletariat, verkörpert in der Riege von „Arbeitern, Angestellten, Schülern und Studenten“ (11) ist eher männlichen Charakters.

[10] Darüber hinaus ist diese „Ideologie“, gegen die man sich hier wendet, sehr durchsichtig eine eigene Konstruktion und in der Realität nirgendwo vorhanden. Wo bitte gibt es Menschen, die glauben, „der aus sich selbst heraus gesellschaftlich wirkmächtigen Potenz“ einer „sachlichen Macht“ unterworfen zu sein, und dies als naturgegeben ansehen? Diese Form der Auseinandersetzung mit einem konstruierten Pappkameraden verweist auf die eigene begriffliche Lücke und die Paradoxie der eigenen Theorie. Ideologie und materielle Realität werden dabei ständig miteinander vermischt, bis man sie selbst nicht mehr auseinander zu halten vermag. So soll es hier die Ideologie der Naturalisierung der bestehenden „sachlichen Macht“ sein, die die Reinvestition des Mehrwerts „verdeckt und damit ratifiziert [!]“.

[11] Die oben bereits kritisierte Vorstellung einer ungesellschaftlichen und vermittlungslosen Produktion steht hier offenkundig im Hintergrund; der gesellschaftliche Zusammenhang wird nicht durch die gemeinsame Form des Handelns und den Austausch der Produkte sowie durch die Abspaltung, sondern durch die diktatorische Gewalt der „sachlichen Macht“ gestiftet, welche die Produkte der Privatproduzenten auf sich zusammenzieht. Damit ist die Gesellschaftlichkeit den Menschen grundsätzlich äußerlich, ein bloßes Zwangsverhältnis, welches sie nur erkennen und abschütteln müssen.

[12] Paradoxerweise wird dies von der AG Gesellschaftskritik sogar selbst festgestellt: „Um zu erahnen, dass man unter den gegebenen Verhältnissen keine Macht über sein Leben hat und dass dessen Gestaltung Zwängen unterliegt, ist vielleicht das Wissen um die Konstitution der gesellschaftlichen Verhältnisse der kapitalistischen Produktionsweise nicht vonnöten“ (3). Diese Einsicht bleibt freilich leider konsequenzlos.

[13] Auf diese Weise lässt sich schlussendlich sogar noch ein gutes Haar an der 2010er-Studi-Bewegung finden, denn: „nicht zu vergessen ist hier allerdings, dass er [der Student] in dieser Funktion zumindest die bürgerlich-progressive Seite des Staates verwirklicht, nicht in Barbarei zu verfallen[!]“ (8).

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